Enemy.............................oder
die Aneinanderreihung von Tatsachen die keiner vorhersehen konnte
NEUNZEHN
verschissene Stunden in einem Flieger zu sitzen, war nicht besonders
lustig, vor allem nicht, wenn man hochgradig angepisst war und
scheiße, ……….das war ich. Mich kotzte die gesamte Situation so
derartig an. Ich brach Aros heilige Regel und flog direkt zurück
nach London, da ja mittlerweile die halbe Welt von meiner Aktion auf
dem Dach wissen musste, also war es doch schon scheißegal. Die
neunzehn Stunden verbrachte ich überwiegend mit schlafen. Mein Kopf
platze.
Die kurze Zeit in
Bangkok war einfach nervenaufreibend. Von körperlichen bis hin zu
psychischen Schmerzen, war alles vorhanden. Ich war ehrlich gespannt,
was auf mich wartete, wenn ich auf Aro traf. Jazz hatte sicher schon
seinen Bericht geschickt. Er war ja schon irgendwie ein
Arschkriecher, aber einer von der Gattung, mit dem Kopf voran und bis
zu den Schultern hinein. Ich weiß, dass das zu denken unfair war,
aber hätte er sich nicht um Cullen kümmern können und ich hätte
James dann.......allein bei dem Gedanken, wurde ich noch wütender.
Wann James wohl
zurück kommen würde? Augenscheinlich hatte er einige schwere
Verletzungen davongetragen. Sein Gesicht sah verheerend aus, offene
und blutende Lippen und über seinem Auge klaffte eine große
Platzwunde. Beide Augen waren zugeschwollen, als wäre er in der
Nacht Rocky über den Weg gelaufen. Auf seinem Brustkorb bildeten
sich langsam blutunterlaufene Flecken, die eine beängstigende Größe
annahmen. Als ich das Zimmer verließ und Jazz mit ihm allein ließ,
machte sich in mir eine große dunkle Wolke breit.
Hätte ich da
bleiben sollen, auch gegen seinen Willen? Ich war mir doch selber
nicht mehr sicher, was jetzt richtig oder falsch gewesen wäre.
Scheiße, ich hatte gerade vorhin drei Menschen, ohne mit der Wimper
zu zucken, umgebracht. War es das, was ich künftig sein würde? Eine
unberechenbare, eiskalte Killermaschine? Die Realität begann mich
einzuholen und die ersten Schuldgefühle machten sich in mir breit.
Ich versuchte mir einzureden, dass sie es nicht anders verdienten,
aber in meinem tiefsten Inneren sah es anders aus. Ich wusste, dass
es nicht stimmte. Jeder Mensch hatte das Recht zu leben, auf die eine
oder andere Weise. Das oberste Gebot ist leben und leben lassen, wenn
es diese Option gibt. Manchmal muss man sich zwischen Richtig und
Richtig entscheiden....
Ich schaute mich
in der Ankunftshalle um und da ich weder Boris noch Ivan, oder sonst
noch jemanden sah, der auch nur im Ansatz zu uns gehörte, nahm ich
an, dass Aro entweder noch nichts davon wusste, dass ich heim käme,
oder dass es ihn nicht interessierte. Ich musste also allen ernstes
mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Da Donnerstag war,
konnte ich mir sicher sein, dass niemand im Haus war, außer Viktoria
und das Hauspersonal. Ohne Kreditkarte, Handy, Bargeld und vor allem
ohne Arees, fühlte ich mich alles andere als wohl und so beeilte ich
mich, nach Hause zu kommen.
Nachdem ich den
Code auf die kleine Tastatur unserer Haustür gehämmert hatte,
konnte ich endlich duschen und meine Kleidung wechseln. Blindlings
tappte ich zur Türe hinein und wollte schon die Treppe nach oben
laufen, als ich mich gerade noch so vor Viktoria abbremsen konnte,
damit ich sie nicht umlief.
„Verdammt, was
machst du hier? Kannst du nicht aufpassen?“, schrie ich sie an. Sie
hielt sich die Ohren zu und begann lautstark zu fiepen und das raubte
mir ehrlich den letzten Nerv. „Verfluchte Scheiße noch mal, hör
auf hier in der Gegend herum zu lärmen. Benimm dich endlich wie eine
Erwachsene und nicht wie ein kleines siebenjähriges Kind. Mit
achtzehn kann man das ja von dir erwarten, oder?“ Zugegeben war es
nicht fair, sie so anzuschreien, aber sie machte es mir nicht
sonderlich einfach.
Wütend stampfte
ich hinauf in mein Zimmer, um endlich eine gut funktionierende
Dusche, mit geruchsneutralem Wasser zu nehmen. Nachdem ich aus
Ekelgründen, mich und meine Haare dreimal intensiv gewaschen hatte,
beschloss ich mich in ein Büro Outfit zu werfen, um dann zu Aro in
die Firma zu fahren.
Die Bella, von
vor einer Woche, wäre in zerrissenen Jeans und Martens, nach so
einem Erlebnis, zu Aro gefahren, aber ich hatte mir fest vorgenommen,
diese Sache mit meinem ganzen Herzblut anzugehen. Mein Entschluss
stand fest und ich war mir so sicher, wie ich es noch nie in meinem
ganzen Leben gewesen war.
Ich würde in
geraumer Zukunft die Nachfolgerin von Aro Volturi sein. Besitzer der
Volturi Enterprises, Boss einer scheinbar übermächtigen
Untergrundbewegung. Ein Mann, der seine Finger überall im Spiel
hatte und offensichtlich nichts von dem Satz hielt „Lassen wir es
langsam angehen“.
Aro war immer für
jeden aus der Inc. da.
Ich setzte mich
in mein Auto und machte mich auf den Weg ins Büro, diesmal parkte
ich sogar anstandslos auf meinem privaten Parkplatz, neben Aro´s
Auto.
Als ich an
Chelsea vorbei kam, schaute sie mich dümmlich an, hämmerte auf die
Schnellwahltaste ein, die sie direkt mit Aro verband und stotterte
irgendwas Unverständliches in ihr Headset. Mir war klar, dass sie
gerade Aro darüber informierte, dass ich soeben in das Gebäude
marschiert war und mich auf dem direkten Weg zu ihm befand.
Ungeduldig stand
ich in diesem Aufzug und wippte mit dem Fuß auf und ab. Am liebsten
würde ich vor lauter Ungeduld gleich nach dem Öffnen der Tür,
direkt in Aros Büro stapfen und mit Türen schmeißen, aber das
durfte ich nicht mehr und aus diesem Grund rief ich mich innerlich
zur Vernunft und versuchte Ruhe zu bewahren.
Natürlich stand
er schon vor dem Aufzug, als die Türen aufgingen, überrascht und
mit hochgezogener Augenbraue stand er da und konnte seinen alten,
trüben Augen offensichtlich nicht trauen. Mir war bewusst, dass er
mit allem gerechnet hatte, besonders damit, dass ich hier mit
zerrissener Kleidung und blutverschmiert auftauchen würde, aber
nicht, dass ich im Businesslook ankommen würde.
Er brachte ein
verdattertes „Bella?!! Was machst du hier? WO sind die anderen? Was
ist passiert?“ über die Lippen. Ich war erstaunt, dass er so
simple Sätze verwendete und dass meine Rückkehr ihn offensichtlich
aus der Bahn geworfen hatte. Ich beruhigte ihn für diesen kleinen
Moment und meinte, wir sollten besser in sein Büro gehen. Wie ein
kleiner Schuljunge, den seine Mutter früh morgens vor die Tür
stellte und ihn zum Bus schickte, stand er da und schaute mich mit
großen Augen an.
Zaghaft lächelte
ich ihm zu und hob den rechten Arm, um ihn den Vorrang zu gewähren.
Langsamen Schrittes setze er sich in Bewegung, noch immer
unschlüssig, was er über diese Situation denken sollte. Im Büro
angekommen, schloss ich die Türe ab und begann ihm langsam und
behutsam über die Geschehnisse in Bangkok zu berichten. Er hatte
sich hingesetzt und die Augen geschlossen, seine Hände waren auf
seinem Schoss zusammengefaltet und er hört mir geduldig zu. In
seinem Gesicht konnte man nicht lesen, was er dachte. Ich hatte Aro
noch nie so gesehen. Als ich bei der kleinen, aber wirklich wichtigen
Tatsache ankam, dass ich insgesamt drei Menschen getötet hatte, aber
den Cullen Sprössling laufen ließ, riss er plötzlich die Augen auf
und starrte mich entsetzt an.
„DU HASSST
WASSSS?“, fuhr er mich plötzlich an und ich wusste jetzt nicht,
wie ich reagieren sollte. Ich erklärte ihm, dass ich es für das
Beste gehalten hatte, da ich mir sicher sein konnte, dass sein Vater
ihn rächen würde. Um das zu verhindern, ließ ich ihn laufen. Es
entsprach zwar überhaupt nicht der Wahrheit, aber das musste er ja
nicht wissen.
Er erklärte mir,
dass das so gesehen eine sehr gute Entscheidung war und ich richtig
entschieden hatte. „Anscheinend hast du Gefallen an unserer Art
Arbeit gefunden, das freut mich unheimlich. Endlich dürftest du dich
endgültig dafür entschieden haben und so kann ich dich richtig in
die Inc. Einführen.“, meinte er fast schon vor Stolz platzend.
Plötzlich, wie von einer Tarantel gestochen, sprang er auf und
meinte, wir hätten noch viel zu tun.
Ich hatte ja
keine Ahnung, was nun auf mich zukam. Aro schleifte mich die nächsten
paar Wochen tagtäglich mit sich herum. Ich war sein Schatten, egal
zu welchem Termin er ging, ich war dabei, total von ihm in Beschlag
genommen. Die ganzen Treffen mit seinen Geschäftspartnern, die
ganzen neuen Namen, die ich mir einprägen musste, neue Gesichter,
die ich zuordnen musste, sowohl die der Enterprises, als auch die der
Inc. musste ich mir merken. Er hämmerte mir täglich neue Listen,
Zahlen und Fakten in meinen Kopf hinein und fragte sie auch aus dem
Stegreif ab und wenn ich etwas nicht wusste, dann erklärte er es mir
geduldig.
Ich wusste nicht
mehr, wo mir der Kopf stand, ich war fix und alle und fiel jeden
Abend, wie tot in mein Bett, aber mein Verstand arbeitete auf
Hochtouren. Ich träumte normalerweise nicht von anderen Sachen,
außer meinem Standarttraum, aber seit neuesten, hatte ich sehr
lebhafte Träume und natürlich handelten sie von der Person, von der
ich eigentlich nicht träumen wollte. Nicht träumen sollte!!!!
Edward Cullen.
Ich sah ihn auf
mich zukommen, oben ohne, jeden einzelnen Schweißtropfen sah ich
klar, wie auf einem HD Bildschirm und ich wollte einfach nur
zugreifen, ihn packen und küssen. Seine starken, männlichen Arme
umschlangen mich, wie eine Schlange, die ihre Beute zermalmte. Ich
konnte jede seiner Berührung deutlich auf meiner, mit Gänsehaut
überzogenen, Haut spüren. Seine Lippen, die kleine Küsse
andeuteten, die er auf meine heiße Haut setzte und seine Hände, die
überall und gleichzeitig nirgendwo waren. Als einer seiner Hände an
seine Hose griff, um sie zu öffnen, schob meine in Phantasie, oder
meine Erinnerung, urplötzlich das Bildnis von James, in diesem
ekelhaften Bett in Bangkok, in meinen Traum. Erschrocken, über aller
maßen wütend und traurig, fuhr ich hoch und wachte fluchend auf.
Genervt und
verzweifelt setzte ich mich auf und schlang meine Arme um die Knie.
Ich musste mehr über diesen Cullen erfahren, aber zeitgleich fragte
ich mich, wo James und Jazz gerade waren. Ob sie wohl schon aus
Bangkok raus waren? Ob alles soweit verheilt war, dass er wieder
fliegen konnte? Aro wusste genau so wenig wie ich. Weder James noch
Jazz waren erreichbar. Ihre Peilsender waren offline, obwohl das
gegen die Abmachung war. Aro waren die Hände gebunden und mir auch.
Ich konnte im Moment unmöglich weg von hier. Das große Treffen mit
dem Denali-Clan stand an und darauf musste ich mich vorbereiten. Mein
Kopf war schon wieder überfüllt mit lauter Gedanken. James, Cullen,
Aro und noch ein paar andere wuselten in meinen Gedanken herum.
Genervt ließ ich
mich wieder zurück in mein Kissen fallen und versuchte wenigstens
noch zwei Stunden Schlaf zu bekommen.
Morgens um sechs
Uhr, begann dieser scheiß Wecker, seinen Dienst zu tun und mir
brüllte dieser Lambert entgegen und weckte mich mit seinem Fever
Geschrei unsanft auf. Mühselig schleppte ich mich ins Bad, um mich
bürofein zu machen. Mittlerweile fiel mir dieses tägliche
verkleiden nicht mehr ganz so schwer, wie am Anfang.
Pünktlich um
acht Uhr, stand ich in meinem schicken neuen Designerbüro. Ein
tiefschwarzer mahagonifarbener Schreibtisch, dunkelviolette
Wandschränke, voll mit Büchern und Ordnern, die obligatorische
Waffenkammer-Wand und ein schickes funkelnagelneues Mac- Book.
Demütig öffnete Chelsea die Tür und brachte mir mein Frühstück
herein. Wie jeden Morgen, einen großen Café Latte, eine gestrichene
Buttersemmel und einen Obstsalat. Ich dankte ihr und trug ihr auf,
dass sie Aro Bescheid sagte, dass ich ihn um12 Uhr zum Lunch traf.
Während ich mein
kleines Frühstück zu mir nahm, checkte ich meine E-Mails und meinen
Timer. Ich stellte erschrocken fest, dass ich in acht Minuten einen
Termin mit Caius hatte, der mir meinen neuen Assistenten vorstellen
wollte. Er hatte ihn extra für mich ausgesucht und aus diesem Grund
hasste ich ihn jetzt schon. Das Leben mit Caius war um einiges
leichter geworden, da er eingesehen hatte, dass ich sein zukünftiger
Boss sein würde und größtenteils schon war. Trotzdem herrschte
zwischen uns bittere Eiszeit.
Extrem genervt
sprang ich auf und checkte noch mal, ob ich adrett genug aussah,
wobei ja Aro extrem zufrieden mit mir war, was mein neues Auftreten
anging. Mit den Schuhen in der Hand, hechtete ich aus meinem Büro
und lief hinüber zum Treppenhaus. Seitdem ich nur mehr abends
trainierte, hatte ich das Gefühl nach zu lassen und so ließ ich
keine Möglichkeit aus, um mich etwas sportlich zu betätigen. Ich
hastete barfuß die sechzehn Stockwerke hinunter und hoffte, dass
mich niemand sehen würde. Kaum aus der Puste, nahm ich das letzte
Stockwerk mit etwas zu viel Schwung und konnte nicht bremsen, da es
in Strümpfen nun mal verdammt rutschig war, auf glatten
Marmorfliesen. Wo waren die guten alten anti-rutsch beschichteten
Fliesen hin...natürlich wurden die in einem Gebäude, wie diesem,
nicht verwendet. Mit lautem Getöse knallte ich volles Pfund gegen
die Tür. Das erinnerte mich daran, wie ich als kleines dreijähriges
Mädchen Eislaufen gelernt hatte. Da bremste ich auch nur so ab.
Fluchend versuchte ich Schadensbegrenzung zu betreiben und schlüpfte
in diese unmenschlich hohen Schuhe hinein, richtete noch schnell den
hoch gerutschten Rock und ging so anmutig, wie es mir nur möglich
war, zu Chelsea und fragte, ob mein zehn Uhr Termin schon zugegen
war. Ängstlich stotterte sie etwas davon, dass er schon in der
Lounge warten würde und sie entschuldigte sich bei mir, dass sie mir
nicht Bescheid gesagt hatte, aber das wäre gerade eben erst gewesen.
Sie war völlig
außer sich und hatte Angst vor mir. Ich musste mich bei der armen
Frau entschuldigen, denn es war damals nicht fair, sie als
Druckmittel zu verwenden.
Ich verschob die
Versöhnungabsichten auf irgendwann, wenn ich mehr Zeit hätte und
machte mich auf den Weg in die Lounge. Ich betrat diese durch die
milchig verglaste, automatische Schiebetür und war heilfroh, dass es
keine Drehtüre war, die mir dann vielleicht auch noch zum Verhängnis
werden könnte. Etwas stolpernd, trampelte ich in die Lounge und der
Mann, der am Fenster stand, drehte sich um und lächelte.
Verdattert
schaute ich ihn an. Er lächelte noch immer, ergriff die Initiative
und kam auf mich zu.
„Guten Tag,
Miss Volturi. Mein Name ist Reinhard Maiclock. Es wäre mir eine
Freude, wenn Sie Reinhard zu mir sagen würden, oder Reini.“
„Swaa… ähhmm
Volturi….. ähhm…. Fuck…. also BELLA. Nennen Sie mich Bella und
wenn wir schon dabei sind, sagen SIE, DU zu mir. Ich bin ja nicht
meine Mutter.“, platze es mir einfach so heraus und ich wusste,
dass war jetzt nicht so professionell, aber wen interessiert das?
Wenn ich richtig verstanden hatte, dann folgte mir dieser Mann
überall mit hin, wenn es sein musste, auch bis aufs Klo.
Er war eine
interessante Erscheinung. Sein maßgeschneiderter, dunkelgrauer Anzug
saß einfach nur perfekt und sein faltenfreies, weißes Hemd,
strahlte nur so im Sonnenlicht. Seit wann scheint in London um diese
Uhrzeit die Sonne? Naja, ich verschob den Gedanken ganz schnell
wieder und machte mich weiter daran, seinen Eindruck zu beurteilen.
Diese giftgrüne
Krawatte, war mehr als nur gewagt, aber so etwas konnten nur schwule
Männer tragen. Und er war schwul, dass sah man ihm einfach an. Er
redete so wie James damals, ohne Punkt und Komma.Was hatte ich nur an
mir, dass mich alle Männer, die mich das erste Mal sahen, so nieder
labern? Reinhard meinte, dass wir uns ausgezeichnet verstehen würden
und ich verdrehte unbemerkt die Augen. Der Nächste, der meinte wir
würden uns ach so gut verstehen. Ich fragte ihn ein bisschen aus und
beschloss ihn dann, das restliche Gebäude zu zeigen und wo sein
Arbeitsplatz war.
Er folgte mir so
unauffällig, wie es ihm nur möglich war, aber da er bei jedem
Spiegel stehen blieb und die Stuckatur an den Wänden so hinreisend
fand, brauchten wir eine halbe Ewigkeit um bis zu den Fahrstühlen zu
kommen. Ich fand das Gebäude auch sehr hübsch, aber so genau hatte
ich mir noch nie dumme Wände angesehen. Da ich mir einen Spaß
erlauben wollte, beschloss ich mit ihm die sechzehn Stockwerke zu Fuß
zu gehen. Ich deklarierte es als Hausführung und lief los. Schon
nach drei Stockwerken ging ihm die Puste aus und ich musste lachen,
denn seine Gesichtsfarbe glich der einer sonnen gereiften Tomate.
„Kindchen,
entschuldige bitte, aber SIND WIR BALD DA??? Ich mein, wie du nur
unschwer erkennen kannst, bin ich GAY und wir LAUFEN keine 5677
Stockwerke über Treppen, um zu unserem Arbeitsplatz zu gelangen.“,
schnaufte er wie eine alte ausrangierte Dampflok.
Unter
ohrenbetäubenden, schallenden Gelächter, setzte ich mich mitten auf
die Treppe und hielt mir den Bauch, der schon weh tat vor lauter
lachen.
„Was
giiiieeebts denn da zu Lachen?“, fragte Reini mit hoher Stimme, was
mich noch mehr zum Lachen brachte und ich muss ehrlich sein, ich
hatte schon so lange nicht mehr so herzhaft gelacht. Dieser
Paradiesvogel setze sich ein paar Stufen unter mir und genoss die
Pause.
„Na ja, also du
hast noch …..ähhhm na ja……dreizehn Stockwerke, schaffst du
das?“, fragte ich mit tränenden Augen und er verneinte und tat so,
als würde er sogleich in Ohnmacht fallen. Ich ließ mich erweichen,
zog ihn am Handgelenk hoch und erklärte ihm, dass wir da aber
trotzdem hoch müssten. Da ich nicht daran schuld sein wollte, wenn
er heute abend Blasen an den Füssen hatte, zog ich ihn noch ein
Stockwerk hinauf und dirigierte ihn zum Fahrstuhl.
Rein zufällig
stand Caius in der Kabine und musterte uns argwöhnisch und ich
beachtete ihn, wie die meiste Zeit nicht und Reinhard tat es mir
gleich. Das war der Moment, in dem er mir absolut sympathisch war.
Genervt stiegen wir bei unserem Stockwerk aus. Ich seufzte und
meinte, dass so ein Starbuckskaffee jetzt echt was feines wäre.
Reinhard setze sich, wie sonst nur so dralle blonde Sekretärinnen,
auf die Kante meines Schreibtisches, lehnte sich lasziv zu meinem
Telefon hinüber und schaute mich erwartungsvoll voll an.
„003, dann
landest du bei Chelsea in der Telefonzentrale“, antwortete ich ihm,
als hätte er mich soeben gefragt, welche Durchwahl die Uschi da
unten hätte.
Er tippte die
drei Nummern ein und wartete bis sie sich meldete. Als sie scheinbar
abhob, säuselte er „Kindchen? Können Sie mich hören, hello? Hier
spricht Reinhard Maiclock, aus dem Büro von Isabella Volturi! Wir
hätten gerne zwei Café Latte Venti. Einmal halbfett Milch und
einmal lactosefrei und bringen Sie bitte den Zucker extra mit, den
Weg kennen Sie ja! Dankeschön.“
Ehe Chelsea auch
nur ein Wort sagen konnte, hatte er schon aufgelegt und grinste mich
breit an. Meinen Blick ließ ich über die große, silberne Wanduhr
schweifen und bemerkte, dass es kurz vor zwölf war und eigentlich
wollte ich mich mit Aro im Ramsey´s zum Lunch treffen. Ich sprang
auf, entschuldigte mich bei Reinhard und erklärte ihm, dass ich
dringen weg musste, aber er gerne bis
13:30
Mittagspause machen konnte. Ich stürmte zum Fahrstuhl, aus dem
gerade Chelsea kam. Unabsichtlich rempelte ich sie an und die beiden
Starbucksbecher ergossen sich über ihre, ohnehin schlecht gebleichte
Bluse.
Ich murmelte eine
halbseidene Entschuldigung und hämmerte auf den Knopf ein, der den
Lift dazu brachte, die Türe schneller zu schließen.
Ich kramte in
meiner Tasche nach dem Schlüssel für mein Auto und öffnete es,
sobald ich es erblickte. Ich rief Aro an und entschuldigte mich schon
vorab für die Verspätung. Er nahm es relativ gelassen.
ARO-POV:
Pünktlich wie
ein Schweizer Uhrwerk saß ich hier, in Bellas Lieblingslokal und
wartete auf sie. Natürlich schaffte sie es nicht pünktlich zum
Lunch, weil sie sich garantiert mit Herrn Maiclock verplaudert hatte.
Ich war mir sicher, dass Caius diesbezüglich die richtige Wahl
getroffen hatte.
Während ich den
Kellner wegschickte, da es sich ja nicht ziemte zu bestellen, ohne
dass alle am Tisch saßen, dachte ich so über die Erlebnisse der
letzten Zeit nach.
Der Tag, an dem
Bella aus Bangkok zurück kehrte, war der schönste in meinem Leben.
Naja …..fast. Als sie dann ganz Business- like vor mir stand,
dachte ich erst, ich sehe nicht richtig. Ihr Aufzug, ihr verändertes
Wesen und die Neuigkeiten aus Bangkok waren zu viel für mich. Sie
hatte nicht nur Lee und seine Affen ermordet und auch noch Jazz und
James das Leben gerettet, sondern auch noch dem verwöhnten
Cullensprößling ordentlich den Marsch geblasen. Carlisle hatte mir
eine Nachricht zukommen lassen, dass er äußerst erfreut darüber
war, dass ich scheinbar eine Nachfolgerin gefunden hatte. Carlisle
Cullen war noch immer derselbe ekelhafte, schleimscheißige Betrüger
wie damals in der Schule. Nicht nur, dass er mit der Frau verheiratet
war, die für mich mein Leben bedeutete, nein, er hatte es auch auf
mein Imperium abgesehen. Ich hasste ihn mehr als man beschreiben
kann. Irgendwann kommt der Moment, an dem ich mich an ihm rächen
werde und wenn es das Letzte ist, was ich tue. Ich verwarf den
Gedanken an Carlisle, denn jeder Gedanke an diesen Mann, ist ein
verschwendeter.
Ich machte mir
ernsthafte Gedanken über Jasper und James. Sie waren schon länger
als die geplanten drei Monate weg. Ihre Sender hatten sie
ausgeschaltet und Bells wusste nicht, wohin sie verschwunden waren,
da sie von James weggeschickt wurde. Es bestand die Möglichkeit,
dass die beiden sich in ein Kloster zurück gezogen hatten, da die
medizinische Versorgung in einem Kloster hundertmal besser war, als
die in einem Krankenhaus. Mir waren die Hände gebunden, ich musste
abwarten und mich in Geduld üben....Geduld... wenn ich dieses Wort
nur hörte, bekam ich Aggressionen. Natürlich war ich nach außen
hin die Ruhe in Person, aber innerlich rumorte es unaufhörlich. Ich
hoffte, dass sie sich bald melden würden, so dass ich auch meine
Ruhe fand und das mit ihnen alles in Ordnung war und sie bald wieder
in meiner Nähe wären. Ich wusste allerdings nicht, wie lange ich
Bella noch bei Laune halten konnte und vor allem, beschäftigt. Tanya
berichtete mir, dass Bella wieder extrem schlecht schlief.
Selbstverständlich versetzte mich diese Neuigkeit in Sorge, da ich
ihr nicht helfen konnte. Sie hasste mich zwar nicht mehr so
abgrundtief, aber von mögen waren wir noch weit entfernt.
Ich überlegte
fieberhaft, welches Gebiet ich ihr noch überlassen sollte. Das
südostasiatische Territorium gehörte wieder uns und dafür hatte
sie gesorgt, wenn auch unabsichtlich. Keiner der Schlitzaugen würde
auch nur einen Finger rühren für Cullen.
Ich überlegte,
ob ich ihr Irland und Frankreich geben sollte, allerdings müsste sie
sich da mit Liam & Siobahn anlegen und mit diesen irischen
Kobolden war nicht zu spaßen. Allerdings war ich mehr als nur
zuversichtlich, dass Bella das schaffen würde, wenn auch noch nicht
ganz unblutig. In Frankreich warteten „nur“ Françoise und Vince,
die beiden waren auch schon gefühlte 1000 Jahre im Geschäft. Mit
den beiden würde sie bestimmt auch alleine fertig werden,
beziehungsweise wäre es eigentlich praktisch, wenn wir mit ihnen ein
Bündnis eingehen würden. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.
Dieser Deal hatte noch Zeit.
Ungeduldig
schaute ich auf die Uhr. Bella war schon fünfzehn Minuten zu spät,
wenigstens hatte sie angerufen. Was ja so etwas, wie ein kleines
Highlight war.
„Hallo, Aro. Es
tut mir unglaublich leid das ich zu spät komme, aber der neue
Assistent hatte so viele Fragen und wollte so viel wissen, dass ich
einfach die Zeit vergessen hatte. Sorry dafür!“, riss Bella mich
aus meinen Gedanken.
„Hallo mein
Kind, schön das du es doch noch geschafft hast, denn länger hätte
ich wirklich nicht mehr gewartet“, lächelte ich sie an.
Nachdem wir
endlich bestellt hatten, druckste sie herum. Ich hatte das Gefühl,
dass ihr eine wichtige Frage auf der Seele brannte. Ich wusste, dass
sie von alleine nicht fragen würde, also sprach ich sie darauf an.
Zu meiner Verwunderung rückte sie direkt mit der Sprache heraus und
wollte von mir unbedingt mehr über Edward Cullen wissen. Dieser
Frage musste ich mich wohl oder übel stellen, das war ich ihr
schuldig. Das war allerdings ein Thema, dass ich nicht hier am
Mittagstisch besprechen konnte und wollte, also erklärte ich ihr,
dass wir das am besten heute Abend, zu Hause, in Ruhe besprechen
würden. Das sie das anstandslos hin nahm, war auch eines der vielen,
kleinen Wunder, die ich erlebt hatte, seitdem sie wieder hier war.
Ich war so stolz auf sie. Isabella war für mich wie eine eigene
Tochter geworden. Sie war mehr für mich, als eine potenzielle Erbin.
Sie schien mit der Antwort, dass wir heute Abend reden würden,
zufrieden zu sein. Wir plauderten noch ein wenig über die
alltäglichen Dinge, bis unser Essen gebracht wurde. Sie aß, wie
immer nur eine Kleinigkeit, aber das kannte ich ja schon von ihr.
Isabella verabschiedete sich nach dem sie hastig gegessen hatte, um
sofort wieder zurück ins Büro zu fahren. Ihre strebsame Art konnte
sie meinetwegen noch lange beibehalten. Während ich appetitlos in
meinen Tagliatelle Verde stocherte, driftete ich wieder in meine
Gedanken ab.
Natürlich
liebte ich Viktoria auch, immerhin war sie ja mein Fleisch und Blut.
Es tat mir im Herzen weh, dass sie so krank war, aber kein Spezialist
konnte uns bisher helfen. Jeder gottverdammte Seelenklempner auf
diesem Planeten war schon bei uns und das Resultat war immer
vernichtend. Je mehr Medikamente sie bekommen hatte, umso apathischer
wurde sie, aber dadurch hatte sie sensationelle, klare Momente. Ich
wünschte mir von ganzem Herzen, dass sie eines Tages ein ganz
normales Leben führen können würde. Leider hatte Viktoria keine
Mutter, die sich um sie kümmern konnte und litt zusätzlich noch
darunter, dass ich viel arbeitete. Ich versuchte das mit materiellen
Dingen auszugleichen, aber selbst das gelang mir nicht. Was Familie
anging, war ich echt nicht mit Glück gesegnet, bis jetzt. Diane,
meine Frau, war kurz nach Viktorias Geburt gestorben. Die Umstände
waren mehr als nur unglücklich. Es konnte ja keiner ahnen, dass
dieses Blutgerinnsel sich lösen würde... . Vielleicht wäre auch
alles anders gekommen, wenn ich mehr Zeit für sie und vor allem, für
uns gehabt hätte...Die Schuld an ihrem Tot gab ich mir bis heute.
Natürlich hasste ich mich dafür, dass ich Viktoria so sträflich
vernachlässigte, aber nachdem sie als siebenjähriges Kind damit
begann, sich merkwürdig zu Verhalten und wegen ihrer Art aus dem
Ganzjahres- Internat verwiesen wurde, hatte ich sie zu Hause und ich
wusste ganz ehrlich nicht, was ich mit ihr machen sollte. Bis zu dem
heutigem Tage hatten wir schon dreiundzwanzig Ammen. Keine Einzige
blieb länger als drei Monate. Dazwischen kamen immer Wochen und
Monate, wo ich niemanden für Viktoria finden konnte und Boris und
Ivan hatten weder die geistige Kompetenz, noch die Nerven dafür, um
auf Vicky aufzupassen. Eines Tages stand dann Tanya vor meiner Türe.
Keine zwei Minuten nach dem sie ihr Begehren vorgetragen hatte, war
sie angestellt und seitdem lebte sie bei uns. Ich war dieser Frau
dankbar, mehr als ich sagen konnte. Den Tag, als James bei uns
einzog, werde ich auch nicht so schnell vergessen. Er war ja ein
netter Junge, aber ich verstand nicht, wieso er sich auf diesen alles
verheißenden Deal eingelassen hatte. Klar war ich froh darüber,
dass er das getan hatte, denn er war ein fähiger Mann. Die Tatsache,
dass er mein Neffe war, stimmte mich immer noch traurig, da ich ihn
nur unter Druck dazu brachte in die Inc. einzutreten. Ich hätte
seiner Mutter auch so helfen können und wollen, aber als er eines
Abends bei mir im Haus gestanden war, um mich darum zu bitten, dass
ich Laura half und er alles, aber auch WIRKLICH alles dafür tun
würde, egal was ich forderte, fiel mir dieser grenzgeniale Plan ein.
Immerhin schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe. Ich konnte meiner
Schwester helfen, ohne das sie es ablehnen konnte und Dimitri konnte
ich auch endlich austauschen. James konnte sich erst überhaupt nicht
in seinem neuen Leben zurecht finden und die Sache mit dem Töten
bereitete ihm bis heute noch Schwierigkeiten, aber dafür entwickelte
er ein sagenhaftes Talent, die meisten Deals unblutig abzuschließen.
Meine Gedanken
sprangen zurück zu den Cullens. Wehmütig dachte ich daran, dass
Carlisle das größte Glück auf Erden am 14.04. zu seiner Frau
genommen hatte. Esme. Natürlich liebte ich Diane, doch Esme wird
immer meine unerfüllte Liebe bleiben.
Esme.... immer
wenn ich an sie dachte, überkam mich eine Welle der Traurigkeit.
Hätte ich doch damals die Zeichen besser gedeutet, dann hätte ich
sie nicht an Cullen Senior verloren. Unsere Beziehung war das
großartigste auf dieser Welt, was man sich nur vorstellen konnte. Es
war meine verdammte Schuld, dass wir uns getrennt hatten, da ich
Gefühle nicht so ausdrucksstark darbringen konnte und Esme oft
dachte, ich würde sie nicht lieben. Das es genau das Gegenteil, war
konnte ich ihr einfach nicht sagen.
Als sie eines
Morgens mit gepackten Koffern unsere Verlobung löste und auszog,
brach meine Welt in tausend Scherben. Nichts war mehr wichtig. Ich
ließ keinen Versuch aus, um ihr zu zeigen, wie viel sie mir
bedeutete, aber alles war vergebens. Ich hatte sie an Carlisle
verloren. Dieser feige Hund hatte ihr schon Monate zuvor den Hof
gemacht. Sie umgarnt und ihr die Welt so zu Füssen gelegt, wie ich
es hätte tun müssen, aber dieser Zug war endgültig abgefahren.
Mein Vater hatte wenig Verständnis für so etwas wie Gefühle. Für
ihn zählten nur Daten und Fakten. Fakt war, dass Diane´s Familie
eine gute Partie war und so wurde von mir verlangt, dass, wenn ich
schon nicht an das Vermögen der Evenson´s heran kam, so wenigsten
an das der Call´s. Es war ihm gleich, ob ich glücklich war oder
nicht. Hauptsache war, dass sein Imperium wuchs. Für ihn waren nur
Macht und Geld wichtig. Diese Sichtweise übernahm ich im Laufe der
Zeit zur Gänze. Diane versuchte ihr menschenmögliches um mir eine
gute Ehefrau zu sein und als sie schwanger wurde, freute ich mich.
Dies war der Wendepunkt, den ich mir herbei gesehnt hatte. Ich dachte
mit einem Kind wäre alles nicht mehr so unerträglich. In dieses
Kind legte ich alle Hoffnung auf ein normales Leben. So normal es nur
ginge, wenn man davon absah, dass ich in eine Mafia-Familie
hineingeboren wurde. Als Diane starb als Viktoria 5 Monate alt war,
brach meine Welt erneut zusammen. Ich war eindeutig nicht vom Glück
verfolgt. Allein und total überfordert, flüchtete ich mich in die
Arbeit und überließ Viktoria einer Hebamme.
Die Stimme des
Kellners riss mich aus meiner Erinnerung und so wurde ich unsanft
wieder zurück in die Realität gerissen. Ich bezahlte die Rechnung
und beschloss, meinen Arbeitstag ausnahmsweise schon zu beenden. Die
ganze Aufregung in der letzten Zeit forderte ihren Tribut.
Ich war eindeutig
zu alt für diesen ganzen Müll. Eigentlich sollte ich zu Hause, in
einem Schaukelstuhl auf der Veranda sitzen und meinen Enkeln im
Garten zuzusehen. Enkel werde ich wohl nie welche bekommen und ob
Bella jemals Kinder haben wollte...darüber machte ich mir bei Gott
noch lange keine Gedanken.
Ich beschloss
eine Runde im Hydepark zu drehen und dann zu Vicky heim zu fahren und
mit ihr eines ihrer Lieblingsspiele zu spielen. Mir war zwar
schleierhaft, was sie an Memory fand, aber wenn es ihr denn Spaß
bereitete, dann spielten wir den restlichen Nachmittag Memory.
Zu Hause
angekommen, ließ ich die Türe lautstark ins Schloss fallen und
machte mich auf den Weg zu Viktoria ins Spielzimmer. Leider traf ich
nur Tanya dort an, die mir mit bedauern mitteilte, dass sie Vicky mal
wieder ruhig stellen musste, da sie wieder mal schreiend am Boden
gesessen hatte und Gott und die Welt verdammt hatte. Bestürzt
schüttelte ich den Kopf und ging leise ins andere Zimmer hinüber.
Viktorias Zimmer
war in einem lichten hellgrün gestrichen. So wie es Diane damals
wollte... Die Ecken und Kanten mussten wir mit Schaumgummi
überkleben, da sie sich sonst immer verletzte, wenn sie mal wieder
einen ihrer Anfälle hatte. Gleich neben der Tür befand sich der
Medikamentenkasten, der stets gut gefüllt und versperrt war. In
einem ihrer klareren Momente, hatte sie mich einmal mit Caius und
Marcus im Arbeitszimmer überrascht. Leider bekam sie mit, wie die
beiden darüber gesprochen hatten, dass Vicky nur ein Klotz am Bein
war und wir uns mit ihr zum Gespött machen. Ich sah das ganze nicht
so, aber ehe ich was sagen konnte, sah ich nur mehr einen Schatten,
der los lief. Beinahe kam ich zu spät, da ich mir noch eine Ausrede
einfallen lassen musste, warum ich so plötzlich aufsprang. Viktoria
hatte den gesamten Inhalt des Röhrchens mit den Antidepressiva
geschluckt. Ich kam so spät, dass sie bewusstlos auf den grauen,
samtenen Teppich gesunken war. Die nächsten 48 Stunden waren wie ein
Höllentrip für mich. Keiner verstand, wieso ich in diesem
Krankenhaus zum Tiger wurde, nur weil der Chefarzt für mich keine
Zeit hatte. Erst nachdem ich die Krankenschwester quasi über die
Theke gezogen hatte, nahm man mich ernst genug und piepste den
Oberarzt an. Marcus und Caius hatten mich zwar begleitet, waren aber
keine besonders guten Stützen gewesen. Ihre damalige Amme hatte sich
auch nicht sonderlich für die Geschehnisse interessiert und so war
ich mal wieder ganz alleine mit meinen Problemen.
Ich verwarf diese
grausamen Gedanken und ging bestürzt in mein Büro um dann doch noch
einige
Dinge zu
erledigen.
Aro Pov Ende
BELLA POV:
Nachdem ich von
dem seltsamen Treffen mit Aro zurück ins Büro kam, traf mich beim
Eintreten in den Raum, der eigentlich mein Büro sein sollte, der
Schlag.
Reinhard saß,
wiedermal mit überschlagenen Beinen und wippenden Fuß, auf meinem
Schreibtisch und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Ich zog skeptisch
meine Augenbraue nach oben und begutachte mein ehemaliges Büro.
Reinhard fackelte nicht lange und brabbelte sofort los, dass er
hoffte meinen Geschmack getroffen zu haben und er fand halt, das hier
noch unbedingt einige Accessoires hinein gehörten, denn in so einem
ekeligen, sterilem Raum konnte man doch nicht wichtige Geschäfte
geschäften.
„Geschäften??“
wiederholte ich und war mir nicht sicher, ob ich ihn wirklich
verstanden hatte.
„Ja Kindchen,
du hast mich schon richtig verstanden. Wir beide werden die
Weltherrschaft an uns reißen und ein bisschen diese Stockfisch
ähnlichen Lackaffen hier revolutionieren!“, meinte er mit
bestimmter Stimme und ich brach in lautstarkes Gelächter aus, da er
dastand, wie Napoleon persönlich. Nur mehr der seltsam eckige Hut
und die in die Jacke geschobene Hand hätten noch gefehlt. Mir traten
die Tränen in meine Augen und ich musste mir den Bauch halten, der
vor lachen schon richtig weh tat. Ich war anfangs sehr skeptisch was
Reinhard anging, aber nach dieser Dekorationsaktion war ich mir
sicher, wir würden uns tatsächlich verstehen. Er drückte mir einen
Starbucksbecher in die Hand und meinte, dass das der Kaffee von
vorhin war, den ich nicht getrunken hatte und er einen neuen geholt
hatte, da er sich sicher war, dass ich den von vorhin, nicht aus
Chelseas Bluse saugen wollte. Bei diesem Satz verzog ich angewidert
das Gesicht, aber kurz darauf musste ich wieder lachen. Der Tag mit
Reinhard verging wie im Fluge, leider blieb auch eine Menge Arbeit
liegen, aber es machte mir recht wenig aus. Kurz nachdem ich das
Bürogebäude verlassen hatte fiel mir wieder ein, dass ich heute
noch ein Gespräch mit Aro hatte. Unsicher darüber, was auf mich
zukam, verängstigt über das, was ich erfahren könnte und gespannt
darüber, was Aro mir erzählen würde. Mein Magen tat mir weh und
mein Nervensystem war überreizt. Aufgeregt fuhr ich nach Hause,
parkte mein Auto zügig in der Garage und eilte in mein Zimmer hoch.
Egal wie sehr ich mich anpasste, aber in meinen normalen Klamotten,
fühlte ich mich noch immer am wohlsten. Frisch geduscht suchte ich
in der Küche nach etwas Essbarem. Das Abendessen, das Andrea für
uns jeden Abend kochte, hatte ich, wie fast jeden Tag verpasst.
Mittlerweile haben sie sich hier schon daran gewöhnt, dass ich nur
daran teilnahm, wenn Aro mich darum bat. Andy hatte mir ein paar
Sandwiches vorbereitet. Den Teller und eine Flasche Wasser schnappte
ich mir im vorbeigehen und lief zu Aro hoch ins Büro. Dort
angekommen musste ich feststellen, dass er scheinbar schon auf mich
wartete. Er bat mich herein und bot mir an, in einem seiner ledernen
Ohrensessel platz zu nehmen. Heilfroh darüber nahm ich platz, da ich
ohnehin schon unruhig das Gewicht von einem Fuß auf den anderen
verlagerte. Aro fragte mich wie mein Tag so war und geduldig
antwortete ich ihm. Er wusste, dass ich kein Fan von Smalltalk war
und darum legte er auch relativ schnell los und erzählte mir davon,
wie er Cullen Senior kennen gelernt hatte.
Cullen Senior
heiratete Esme Evenson und bekam dadurch einiges an Macht und Geld.
Die Evensons importierten Waren aus Japan und Shanghai nach Nord und
Südamerika. Dadurch, dass Carlisle die Firma mit 26 Jahren übernahm
und Charles Evenson abdanktes konnte er schalten und walten wie er
wollte. Der Weg in den Drogen und Rauschgifthandel war kein schwerer.
Dort länger als 48 Monate zu überleben schon. Er schloss sich mit
den Uley´s zusammen. Jeder in dieser „Branche“ wusste, dass man
sich mit dem Quileute Pack entweder gut stellte, oder am besten einen
großen Bogen um sie machte. Charles schaffte es mit dem alten
Oberhaupt, den alle liebevoll „Old Quil“ nannten, einen Pakt zu
schließen, der relativ lang galt. Zusammen bedienten sie relativ
große Teile von Shanghai und Nordamerika. Südamerika brachte ihnen
erst das Bündnis mit den Black´s. Carlisle konnte sich als Anführer
behaupten. In einem Film wäre er dann so etwas wie der Pate. Ihre
Geschäfte liefen großteils so, aber sie achteten darauf, dass sie
den Volturi´s nie in die Quere kamen. Dies änderte sich vor 10
Jahren, aber dazu später.
Als Carlisle
und Esme nach vier Jahren Ehe ihren Sohn zu Welt brachten, war
zumindest einmal der Nachfolger geboren. Allerdings wusste keiner,
dass der untreue Carlisle bei seinen angeblichen, wochenlangen
Dienstreisen, sich noch mehrere andere Frauen hielt. Einige waren
bezahlt, aber mit der ein oder anderen pflegte er doch, ein eher
weitläufiges Verhältnis. So wurden in etwa zur selben Zeit auch
Edwards Halbgeschwister geboren. Carlisle versuchte sie weitgehend
geheim zu halten, aber dies gelang ihm nur mäßig. Esme erfuhr davon
bis heute nichts und dies sollte auch so bleiben. Edward hatte eine
mehr oder weniger gewöhnliche Kindheit. Er wurde als Kind schon in
einigen Kampfsportarten unterrichtet, seine ersten Schießübungen
hatte er mit elf Jahren. Mit sechzehn wurde er in den Coven
eingeführt und seitdem war er Carlisle's rechte Hand. Esme war von
dem Ganzen weniger begeistert, fügte sich aber dem Willen ihres
Mannes. Edward war ein verzogener, arroganter Spross, der keine
Achtung besaß.
James und
Edward trafen sich das erste Mal, als Carlisle sich nicht an die
ausgemachten Grenzen hielt und meinte, er könne sich in unsere
Angelegenheiten einmischen. Den 30 Millionen Doller Deal damals,
ließen die Russen mit Absicht platzen, um die ohnehin gespannte
Situation zwischen unseren Familien noch mehr zu reizen. Als die
beiden Jungs dann alleine erneut aufeinander trafen, gab es zum Glück
keine Toten, aber es entstand ein verbitterter Kampf, in dem es nicht
nur um Drogen, Geld oder Waffen ging.
Ich höre Aro
gespannt zu und hatte ab und an mal eine Frage, aber im Großen und
Ganzen verstand ich, worum es ging. Er meinte auch, dass es noch
einiges mehr zu erzählen gab, aber dies nicht so wichtig sei im
Moment. Oberste Priorität hätte es fürs Erste, die Länder
Frankreich und Irland dazu zu bringen, uns zu vertrauen und mit uns
gemeinsame Sache zu machen. Ich nickte nur und wusste, dass dies
meine Aufgabe wäre. Ich sollte nie wirklich in der Enterprise
arbeiten, dessen war ich mir mittlerweile sicher.
Ich dankte ihm,
dass er mir soviel über den Cullen Coven erzählt hatte, aber ich
war mir im Klaren, dass dies noch lange nicht alles war. Meine
Anspannung und Nervosität hatte sich schon längst gelöst, aber
trotzdem brannte mir noch eine einzige Frage auf der Seele. Ich
musste einfach wissen, was mit James und Jazz war. Traurig schaute
Aro mir in die Augen und ich konnte die Antwort an seinen Augen
ablesen. In diesem Moment begann mein Herz wie wild zu schlagen, mein
Blut raste nur so durch die Adern und ich begann, nervös auf meinen
Fingernägel herum zu kauen. Ich kaute eigentlich nie an meinen
Fingernägeln. Alice würde mir wieder eine Standpredigt halten, aber
jedes Mal, wenn ich auch nur an ihn dachte, begann ich nervös an
ihnen zu kauen.
Fieberhaft
überlegte ich, was wir tun konnten und mir kam nur eine einzige
Lösung in den Sinn. Einer von uns musste unbedingt nochmal
zurückkehren. Vielleicht waren sie ja noch dort, oder hatten eine
Spur für uns hinterlassen. Ich überlegte wen wir schicken könnten,
da Aro sagte, er würde es auf keinen Fall zulassen, dass ich alleine
hin fliegen würde. Ich zermalmte mein Hirn und ging geistig
sämtliche Namen durch, die mir eingefallen waren. Emmett wollte ich
nicht alleine fliegen lassen und ich brauchte ihn hier. Laurent war
ja noch in Sibirien und das würde sich sobald nicht ändern.
Eigentlich blieben nur Felix, Peter und dieser Kerl von der
Motorhaube, der sich im Nachhinein ja als einer von Aros Männern
herausstellte. Wenn mir nur sein Name einfallen würde. Verdammte
Scheiße noch mal, ich hätte ihn doch nicht so verdrängen dürfen.
„Ähm Aro... du
sag mal...also der Typ da ... na du weißt schon welcher..“,
stammelte ich rot wie eine Tomate anlaufend und er zog nur seine
wuchernde Augenbraue hoch und grinste mich fies an.
„Nein Bella,
ich habe absolut keine Ahnung, was du jetzt meinst, beziehungsweise
sagen möchtest.“, meinte er und mir war es so etwas von klar, dass
er sich unwissend stellte.
Genervt verdrehte
ich die Augen, atmete tief ein und aus und presste ein „Na gut, du
willst es ja nicht anders!“ zwischen den Zähnen hervor. Meine
rechte Hand begann meinen Nasenrücken zu massieren und die andere
krallte ich in den Sessel.
„Also, ich meine diesen einen Kerl, den du auch kennst, mit dem ich in aller Öffentlichkeit auf der Motorhaube eines Jeep Commanders hemm........“ Mit einem lauten AAHHHHH unterbrach Aro meinen gut angesetzten, weit ausgeholten und sehr ausführlichen Personen und Situationsbericht und meinte, er wüsste ganz plötzlich doch wieder, wen ich meinte, denn wenn ich jetzt weiter reden würde, würde es wohl in der Tat, sehr unangenehm für uns beide werden.
„Also, ich meine diesen einen Kerl, den du auch kennst, mit dem ich in aller Öffentlichkeit auf der Motorhaube eines Jeep Commanders hemm........“ Mit einem lauten AAHHHHH unterbrach Aro meinen gut angesetzten, weit ausgeholten und sehr ausführlichen Personen und Situationsbericht und meinte, er wüsste ganz plötzlich doch wieder, wen ich meinte, denn wenn ich jetzt weiter reden würde, würde es wohl in der Tat, sehr unangenehm für uns beide werden.
Wir einigten uns
darauf, dass wir also diesen Seth nach Bangkok schicken würden. Aro
würde wie immer alles für seine Abreise vorbereiten. Extrem müde
und endlos aufgewühlt beschloss ich, in mein Zimmer zurück zu
gehen. Als ich gerade zur Türe hinaus gehen wollte hielt Aro mich
auf, drückte mir ein Paket in die Hand und meinte, er musste das
heute entgegen nehmen, da der Postbote darauf bestand, dass dies von
jemanden entgegen genommen wird, der Volturi hieß.
Skeptisch nahm
ich das Päckchen in beide Hände und betrachtete es ausführlich.
Aro starrte mich mit großen Augen an, ich zuckte nur mit den
Schultern, drehte mich galant mit einer ballettreifen Drehung um,
wünschte ihm noch eine gute Nacht und tapste auf leisen Sohlen in
mein Zimmer.
Oben angekommen
setze ich mich auf mein neues, großes, weißes Sofa und wendete die
Schachtel erneut in meinen Händen.
Es gab keine
Karte und keinen anderen Hinweis, der auf den Absender deutete. Ob es
vielleicht von James war und er nicht wollte, dass Aro ihn sofort
wieder zurück orderte? Wohl kaum. Den Gedanken verdrängte ich ganz
schnell wieder, da ich mir sicher war, dass Aro James ohne zu zögern
„beurlauben“ würde.
Ich betrachtete
die geschmackvolle silberne Verpackung und löste vorsichtig, mit
zwei Fingern, die elegant geschwungene Schleife. Leise und
federleicht fiel das Bändchen neben mir auf das Sofa. Meine
zitternden Hände legte ich an die Seiten der Schachtel und hob den
silbernen Deckel in die Höhe. Zum Vorschein kamen ein Kissen aus
gefütterter Seide und ein kleines Seidentuch, das irgendetwas
bedeckte. Ich stellte die Schachtel links von mir aufs Sofa und zog
meine Füße zu mir hoch. Im Schneidersitz davor sitzend, begann ich
nervös eine Melodie zu summen, die mir meine Granny immer vorgesummt
hatte. Meine rechte Hand streckte ich langsam und behutsam aus,
packte das seidene Tuch an einer Ecke und zog leicht daran. Ich
schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Allen Mut zusammen
nehmend, beschloss ich JETZT, an diesem verschissenen Tuch zu reißen,
wie bei einem Pflaster, das man abziehen musst. Ich zählte bis drei
und mit einem Ruck riss ich an dem Tuch. Als ich freie Sicht auf den
Inhalt der Schachtel hatte, traute ich meinen Augen kaum. Das konnte
doch nicht wahr sein, oder?......
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