Die ALTE Leier
Jake rollte sich gekonnt ab und verschwand, noch ehe ich erneut beschleunigen konnte, in der Böschung. Ob es die richtige Entscheidung war, oder ob es wirklich notwendig war, dass wir uns trennten, wusste ich noch nicht, aber die Verfolger waren mir schon wieder dicht auf den Fersen.
Innerlich darauf vorbereitet, dass sie mir demnächst am Arsch kleben werden, beschleunigte ich etwas mehr, denn ich wollte es nicht darauf ankommen lassen. Würde Bella den Auftrag geben mich zu töten? Galt das alles überhaupt mir, oder war es vielleicht doch Fletscher, der mir ans Leder wollte? Immerhin hatte er noch die eine oder andere Rechnung offen.
Den Blick abwechselnd auf die Straße vor mir und die Verfolger hinter mir gerichtet, immer darauf bedacht, darauf zu achten, was als nächstes passieren könnte. Mein Blick fiel auf die Tankuhr und ich wusste, dass ich nicht mehr allzu weit kommen würde. Warum baute man in so einen Flitzer auch so einen Mickey Mouse Tank ein? Ich startete den Boardcomputer und rief mittels GPS und Google Streetview die aktuelle Route ab.
In 50 Kilometer kam die nächste Tankstelle und kurz davor ging es Serpentinen hinauf. Kopfschüttelnd murmelte ich vor mich her, welcher Mensch, mitten auf einem Berg, eine Tankstelle bauen würde... Das wäre die Möglichkeit, die Flachwixer dahinten abzuhängen, denn der Bugatti käme mit Leichtigkeit hinauf und würde sie abhängen, aber um ihn über die Leitplanke hinaus zu jagen wäre er zu schade. Außerdem müsste ich dann zu Fuß gehen und das wollte ich bei Gott nicht.
Wäre es sinnvoller, wenn ich oben angekommen, wenden und an ihnen vorbeiziehend, wieder nach unten fahren würde. Ich könnte auch darauf hoffen, dass sich vielleicht doch ein Auto nach oben verirrt hatte, das ich mir ausleihen konnte, um weiter zu fahren. Die letzte Option wäre, vielleicht darauf zu hoffen, dass die Waffe unter meinem Sitz vollgeladen ist und im Handschuhfach noch weitere Kugeln liegen, um an der Tankstelle eine, im wahrsten Sinne des Wortes, bombastische Show hinzulegen? Ich war mir alles andere als sicher und einig, aber ich müsste mich bald entscheiden.
Mit einem mörderischen Tempo, raste ich die Serpentinen hinauf und zog auf dem nächsten Plateau eine enge Schleife, zog schnell die Waffe unterm Sitz hervor, riss das neue Magazin aus dem Handschuhfach und ließ die Fenster herunter. Ich gab Vollgas und trat den Rückzug nach vorne an. Bereit abzudrücken und wachsam wie ein Adler, preschte ich die Straße wieder hinunter. Kurz nach der Kurve, wo Jake ausgestiegen war, musste ich ruckartig abbremsen, sonst hätte ich die beiden Autos, die den Weg versperrten, einfach von der Straße geräumt und mich vermutliche etliche Male überschlagen.
Wenn mich nicht alles täuschte, waren das die beiden Wagen, die mich verfolgten hatten. Scheinbar hatten sie damit gerechnet, dass ich umdrehe und versuchen würde an ihnen vorbei zu kommen. Auf der Motorhaube saß eine zierliche Frau in einem engen schwarzen Hosenanzug. Ihr rabenschwarzes Haar war zu einem spitzzulaufenden Bob frisiert und obwohl ich mir sicher war, das es nicht Bella war, sah ich zweimal hin. Ich bemerkte, dass sie zwar bis an die Zähne bewaffnet war, aber keine Anstalten machte, mich anzugreifen, geschweige denn eine Waffe in die Hand zu nehmen. Ihr Begleiter lehnte am anderen Auto und rauchte genüsslich eine Zigarette. Auch er machte nicht den Eindruck, als wäre es seine oberste Priorität, mich zu töten. Unbemerkt griff ich zum Türöffner und noch während ich öffnete, schlüpfte ich geschwind heraus. Meine waghalsige, größenwahnsinnige Selbstüberschätzung riet mir, mich dem Angreifer einfach so zu stellen, denn ich hatte eigentlich nichts zu verlieren.
„Siehste Bill, ich sagte doch, der Kleine dreht oben am Berg um und kommt uns entgegen.“ schnurrte die Frau rechthaberisch und ihr Begleiter kommentierte das nur mit einem brummigen „mhm“. Ok der hatte wohl nicht viel zu melden, zumindest machte es den Anschein.
„Edgar, nett dich endlich mal kennen zu lernen.“ säuselte sie und sah mich, dreckig grinsend, an.
„Edward“ antwortete ich bissig. Sie schoss ein schnelles, wie auch immer, hinterher und rutschte graziös von der Motorhaube.
„Du bist also der, weswegen meine Kleine die ganze Welt auf den Kopf stellen will, nur damit sie dich findet?“ Verwirrt sah ich sie an, absolut nicht verstehend, was sie meinte.
„Tu nicht so, du weist ganz genau, wen ich meine.“ zischte sie erneut und machte ein paar Schritte auf mich zu. Instinktiv presste ich mich gegen das Auto, denn ich befürchtete, dass mich ihre stahlblauen Augen aufspießen würden.
„Ich...ich ähmm, ja also du meinst...zur Hölle, wen meinst du?“ Meine Stimme überschlug sich, ich hörte mich an, wie ein zwölfjähriger, der gerade in den Stimmbruch kam.
„Bill, schau dir den mal an, der ist total nervös und von der Rolle...dabei soll er doch angeblich der heroische Sohn von C.C sein.“ Die Frau lachte und der Kerl grinste nur dreckig, interessierte sich aber nicht sonderlich für das Szenario.
Mir fiel wieder ein, woher ich sie kannte, denn dieses Lachen war unverkennbar. Erschrocken sah ich hoch und sie grinste.
„Babette, richtig?“ entwich es mir ehrfurchtsam.
„Jap“ war die kurze und knappe Antwort, mit der ich eigentlich gerechnet hatte, die aber meiner Überlebenschancen drastisch verkürzten, denn diese Frau war eine tickende Zeitbombe, brandgefährlich und die Beste, wenn es um Waffen ging.
„Kleiner? Bist du jetzt versteinert oder was wird das, wenn du fertig bist?“ sie kam noch näher und klopfte mir an die Stirn.
Ich brauchte dringend ein paar Worte, die ich ihr hinwerfe konnte, aber nichts passte so wirklich. Sie musste so um die Mitte 30 sein, sah aber kaum ein paar Jahre älter aus als Bella. Witze über ihr Alter konnten mitunter tödlich ausgehen. Vom Hörensagen wusste ich, das sie einmal einen Spanier die Zunge herausgeschnitten und den Hunden gegeben hatte, nur weil er meinte, sie hätte hübsche Lachfalten.
Es war dumm sie auf ihr Alter anzusprechen, aber es juckte mich derartig in den Fingern und lag wie ein Stück brennende Kohle auf der Zunge.
„Gut siehst du aus, für dein A...“ konterte ich, gerade als sie mir mit der flachen Hand den Mund zuheilt und mir verbat, den Satz auszusprechen.
„Wenn du das hier überleben willst, dann sei artig und halt die Klappe und vor allem, denk erst nach, bevor du sprichst.“ feixte sie und fischte sich elegant von Bill die Schachtel Zigaretten und steckte sich eine Kippe an.
Unsicher begann ich nach links und rechts zu gehen. Ihr kalter Blick folgte mir, ließ keine meiner Bewegungen unbeobachtet. Ich war mir sicher, wenn ich versuchen würde, auf sie zu schießen, würde sie mich mit einer einzigen Handbewegung eliminieren. Nervös ließ ich meine Finger einzeln knacken, um das leichte Zittern zu unterbinden. Sie bekam alles mit, natürlich tat sie das und sie lächelte boshaft.
„Weißt du Kleiner, eigentlich habe ich noch ein Hühnchen mit dir zu rupfen, dein Glück ist nur, dass du unter ihrem Schutz stehst...und du kannst dir sicher sein, wenn sie mir gegenüber auch nur ein Wort darüber verliert, dass du ihr weh getan hast, komm ich und hänge dich persönlich am Petersplatz an den Eiern auf.“ Babette pustete mir den Rauch ins Gesicht, schnippte dann die Zigarette weg und ging ein paar Schritte zurück.
„Ich stehe unter ihrem Schutz?“ wiederholte ich, nicht verstehend, was sie meinte und den Rauch wegwedelnd.
„Ja Kleiner, die halbe Inc. wäre hinter dir her, wenn es nach James ginge und sie alleine ist der Grund, wieso es so ruhig ist. Sie ist zwar sauer auf dich wegen Aro und um ehrlich zu sein, bin ich auch nicht gerade gut auf dich und deine Sippe zu sprechen, denn ihr habt mir jemanden genommen, der mit sehr wichtig war. Ich hätte große Lust, dich einfach an den nächsten Baum zu hängen und ausbluten zu lassen...“ Ihre Stimme wirkte erst aggressiv, wechselte aber schnell zu bedrückt, sie wirkte traurig und ich erinnerte mich an den Mann, der mit Bella in Frankreich war.
„Ich kann die Kleine nicht mal wirklich verstehen.“ schimpfte sie „Du bist ja noch nicht mal besonders männlich, geschweige denn, hast du besonders viel Talent, außer dass du dich und deine Umwelt in Schwierigkeiten bringst, aber wenn meine Kleine in dir etwas Besonderes sieht, dann muss da wohl schon was sein...“ redete sie mehr zu sich selber.
Ich senkte meinen Blick zu Boden und malträtierte geistig die Kieselsteine, da ich nicht wusste, wie ich nun reagieren sollte. Wenn ich nur daran dachte, dass es auch Bella hätte treffen können und sie da in dieser Blutlache gelegen hätte, zog sich mein Magen zusammen und ein brennender Schmerz machte sich mir breit.
Ich war dumm.
Saudumm um es genau zu sagen.
Wir könnten schon längst an weißen Stränden unter Palmen, im dämmernden Sonnenlicht, spazieren gehen. Auf Sanddünen sitzen und den Wellen zusehen, wie sie sich ineinander brachen. Glücklich, Arm in Arm einschlafen, aufwachen, den Tag verbringen, Schachspielen, 1000 Dinge erkunden und Filme sehen, die Welt erobern und das Universum umarmen....
Stattdessen erkannte ich, dass das einzige Hindernis, ich selber war und mir selber im Weg stand.
Würde sie mir eine Chance geben, mir zuhören?
„Kleiner, wenn du nicht mit ihr redest, wirst du nie Antworten auf deine Fragen bekommen und je länger du wartest, umso weiter entfernt ihr euch voneinander, aber wenn du einen Tipp von mir haben willst, dann solltest du als erstes deinen Vater zur Vernunft bringen, denn er wird der euch eventuell noch im Wege stehen, natürlich nur dann, wenn sie dir verzeiht. “Babette öffnete die Fahrertüre und rutschte katzenhaft hinter das Lenkrad. Ihre Begleitung tat es ihr gleich und sie ließen mich hier einfach stehen.
In meinen eigenen Gedanken und Selbstzweifel schmorrend, stand ich verdattert da und wusste nicht, wie ich passend reagieren sollte, während ich zusah, wie die Autos kehrt machte und am Horizont verschwanden.
Sie hatte Recht, so ungern ich es auch zugab, aber sie tat es.
Jeder noch so perfekt zurechtgelegte Satz- rhetorisch grandios, grammatikalisch perfekt ausgearbeitet, würde das wiedergeben, wie ich mich fühlte, was ich mir dachte. Es wurde Zeit den Gedanken Taten folgen zu lassen.
Es wurde Zeit, dass ich meinem Vater erklärte, was ich wollte, ihm klipp und klar sagte, dass ich ihm dankbar für die letzten Jahre war, aber er sich nicht zwischen mich und Isabella stellen konnte.
Sogar beim alten Montagu hat es nicht funktioniert, dann klappt es bei einem Cullen erst Recht nicht. Auch wenn Bella nicht in derselben Gesellschaft aufwuchs wie ich, hatte sie so viel mehr in der letzten, kurzen Zeit gelernt, als ich in all den Jahren.
Nie hatte ich mir Gedanken darum gemacht, wie es gewesen wäre, wenn ich nicht all das hätte, was ich hatte. Wie es wäre, wenn ich... wenn ich nur für den einen Menschen lebte, wenn sich meine Welt nur mehr für sie drehte. Dieser eine Augenblick auf dem Dach, hatte die Welt angehalten, neu formatiert und die Wege meines Seins komplett neu bestimmt. Mein inneres Navigationssystem hatte sich einen eigenen Punkt gesucht und die Route neu berechnet und mir wurde klar, dass ich jetzt gerade an einem Punkt war, wo ich nach Möglichkeit wenden und dort anknüpfen sollte, wo sie gegangen war.
Wo war der Gedanke nur hergekommen, dass sie es freiwillig getan hatte? Bestünde nicht noch immer die Möglichkeit, dass sie geholt wurde? Wenn nicht von Aro, dann von jemand anderem? Die Entscheidung Aro zu töten, war keine falsche, denn auch seine Zeit war abgelaufen. Ich war mir sicher, wenn ich es nicht gewesen wäre, dann hätte es jemand anderes getan, zumindest redete ich es mir so ein.
Die Entscheidung stand fest, der Plan war klar und die Würfel waren gefallen.
Eine kreischend schrille Melodie zerstörte den erdrotationsstoppenden Moment und mir wurde bewusst, dass ich mich noch immer im Hier und Jetzt befand, auch wenn meine Gedanken gerade ganz wo anders gewesen waren.
„JAKE??!?!“ schrie ich ins Telefon, als ich es mühsam aus der Hose gezogen hatte.
„Japp, Babette hat gemeint, du solltest mich wieder aufsammeln, denn bis heim wäre es ein weiter weg zu Fuß. WILL ICH WISSEN WAS DA OBEN PASSIERT IST?“ plärrte er lachend ins Telefon. Im Hintergrund hörte ich ein melodisches Lachen und zwei kräftige Motoren aufheulen. Ich legte kopfschüttelnd auf, stieg ins Auto und fuhr die Strecke, die ich gekommen war, wieder hinunter. Knapp zehn Kilometer weiter saß Jake an einer Bushaltestelle, die mehr verlassen als befahren wirkte und grinste dümmlich als er mich erkannte. Ich wusste nicht, wie ich ihn gefunden hatte, aber über Dinge, die von alleine passierten, wunderte ich mich schon lange nicht mehr, denn sie waren so alltäglich, wie Milch im Supermarkt. Mal abgesehen davon, dass ich der Meinung war, dass sich die Welt gerade gegen mich wendet und auf der Schaufel hatte.
Er sprang von der schlecht lackierten, morschen Holzbank auf, klopfte sich den, ohnehin nicht vorhanden Dreck ab und machte drei große Schritte, öffnete die Türe und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. Fragenden Blickes schielte er zu mir herüber, zu taktvoll um zu fragen, aber zu neugierig, um es nicht doch wissen zu wollen.
„Boaa HÖR auf so zu schauen!“ giftete ich ihn an und trat das Gas voll durch, mein Tankproblem bestand noch immer, aber hier in der Gegend gab es, Dank gut befahrener Lkw- Straße, mehr als nur eine Tankstelle.
Wortlos fuhren wir die gesamt Strecke wieder zurück, obwohl ich langsam müde werden musste, stellte sich das Gefühl der Erschöpfung einfach nicht ein. Mein Hirn arbeitete auf Hochtouren, ein Plan ersetzte den nächsten, keiner war gut oder stark genug, um den Tyrannen, welcher er nun mal war, zu bezwingen oder zur Einsicht zu lenken. Mord kam nicht in Betracht, aber es stand außer Frage, dass es nicht auch eine mögliche Variante wäre, um das zu bekommen, was ich wollte und das war nun mal Bella.
Kein Bankkonto, keine Juwelen, noch nicht mal Gold konnten ihr den Wert abringen, den sie für mich darstellte.
Jake POV:
Ich mochte Edward ja wirklich gerne, aber manchmal übertrieb er es maßlos. In dem einen Moment verschwand er spurlos vom Radar und tauchte Wochen später wieder auf. Das war immer schon so, aber seitdem wir in Bangkok waren und er diese Mädchen kennen gelernt hatte, erkannte ich ihn nicht mehr wieder.
Er hatte sich verändert, er wirkte wie ausgewechselt. Normalerweise ließ er nachts die Puppen tanzen und das, im wahrsten Sinne des Wortes, aber jetzt? Seit Bangkok saß er nur noch zu Hause, wo auch immer das gerade war, denn Edward lebte wie ein Nomade und das, seitdem ich ihn kannte. Sein Vater schickte ihn überall hin, nahm kaum Rücksicht auf seine Schulnoten, denn diese konnte man ja mit genügend Vitamin B kaufen. Stattdessen bekamen wir Privatlehrer aufs Auge gedrückt, die uns immer begleiteten.
Von New York nach L.A über Rio oder Shanghai, immer war mindestens einer dabei. Zugebenen, sie lebten gefährlich und es kam auch schon mal vor, dass wir alleine zurück reisen mussten, aber das Business war eben so. Die einen hatten Paparazzi an der Backe, wir eben Lehrer und ein oder zwei, die uns ans Leder wollten.
Mir persönlich war das egal, denn in dem Waisenhaus in dem ich aufgewachsen war, hatte ich es ohnehin nicht besonders gemütlich, erst als ich Edward traf, begann es so richtig witzig zu werden.
Diese Nacht werde ich niemals vergessen.
Es schüttete wie aus Eimern, auf den Straßen bildeten sich richtige Sturzbäche voller matschiger Erde. Laub und Gestrüpp wurde Zentimeter hoch durch die ehemaligen Straßen von Montemorelos geschwemmt. Normalerweise regnete es hier nicht, außer es war Herbst, denn dann konnte es passieren, dass es so richtig niederprasselte und die angrenzten Flüsse Hochwasser hatten.
Ramos und Pilòn gingen mal wieder über. Seitdem ich hier lebte, war es jedes Jahr so, dass einer der Flüsse Hochwasser hatte. Meine Eltern, die La Push verließen als ich 4 war, wurden von einem der reißenden Stromarme des Blanquillio überrascht und in den Tod gerissen. Zumindest erzählte mir das der fette, ekelhafte Sozialarbeiter des Kinderdorfes, in das man mich steckte, als man nach drei Wochen drauf kam, das unser Haus unbewohnt war und meine Eltern für Tod erklärte, denn so etwas wie Leichen, oder zumindest identifizierbare Teile davon, hat man nie gefunden.
In einem Heim aufzuwachsen stellt man sich immer anders vor als es tatsächlich war. Erst mussten die älteren Kinder uns Jüngeren das Klauen beibringen, die nächste Stufe war dann mit zwölf, denn da lernte ich den Unterschied zwischen Koks, Heroin und den anderen gängigen Drogen kennen.
Rodriguez verlangte von uns, dass wir seinen Kollegen dabei halfen es herzustellen, zu verpacken und anschließen zu verkaufen. Viele Möglichkeiten hatten wir ja nicht, entweder wir taten es oder wir lagen zerkleinert auf der nächstbesten Mülldeponie und davon gab es hier so einige.
Manchmal reduzierten sich die Heimbewohner auf weniger als die Hälfte, denn dann, hatte ER mal wieder unbrauchbaren Ballast abgeworfen.
Ich besaß mehr als nur einen Schutzengel, das war klar, denn in all den Jahren, gelang es mir immer mit einem blauen Auge davon zu kommen. Irgendwann war es mir sogar erlaubt, diverse Geschäfte alleine durchzuziehen. In meiner sechsten Nacht, als ich gerade durch eine der Seitengassen schlich, sah ich einen Jungen, der gerade meinen Kunden fachmännisch zusammenfaltete. Obwohl ich noch kein Wort mit ihm gewechselt hatte, war er mir sofort, mehr als nur sympathisch.
Seine wirren Strubbelhaare glänzten silbrig bronzefarben im Mondlicht. Im Nachhinein betracht, hatten wir uns bis heute nicht viel verändert, außer dass er gewachsen war und einen sehr männlichen Charakterzug angenommen hatte, leider auf Frauen stand und dies auch täglich demonstrierte..
In der Nacht, als ich ihn das erste Mal sah, zog ich seine Aufmerksamkeit auf mich, indem ich einen Stecken vom Boden aufhob und gegen eine der Mülltonnen schlug, die halbleer herumstand, da der Dreck ohnehin am Boden verteilt wurde. Sein Kopf schnellte nach oben, den recht leblosen Körper ließ er aus seinen Händen gleiten. Er richtete sich auf und starrte in meine Richtung.
„Ich finde es nicht besonders praktisch, wenn du meine Kunden zur Strecke bringst.“ rief ich ihm scherzend zu.
„Und weiter? Ich finde es nicht besonders praktisch, wenn DEIN Kunde, mich übers Ohr hauen will.“ bekam ich als Antwort und musste lachen.
„Was ist? Hast du in der Witzkiste geschlafen oder brauchst du auch eine aufs Maul?“ fuhr er mich barsch an. Zugeben, da hatte ich Angst, denn auch in den Jahren danach, musste ich immer wieder feststellen, wenn er wütend wurde oder ganz der Killer war, sollte man ihm besser aus dem Weg gehen.
„Nein, eigentlich nicht, aber immerhin hast du mir gerade ungewollt jede Menge Schwierigkeiten bereitet und ich würde wenigstens gerne wissen, mit wem ich es zu tun habe. Immerhin bist du der Grund, wieso ich die nächsten zwei Wochen kaum was zu essen haben werde und einige schmerzhafte Stellen...“ nuschelte ich in meinem kaum vorhanden Dreitagebart.
„Tja, das nenn ich dann mal wohl Schicksal und du weißt ja … nur der frühe Vogel fängt den Wurm und scheinbar, war ich früh genug...“ philosophierte Mister Neunmalklug vor sich hin und ich konterte nur, dass nur jeder zweite Maus den Käse bekäme und er jetzt aufhören sollte, mich zu nerven und mir seinen Namen sagen.
„Edward“ schmetterte er mir hin und zuckte achtlos mit den Schultern.
„Schick und mich nennen sie Jake.“ murmelte ich grinsend. Edward also, seine Eltern waren wohl altbacken, dachte ich mir damals, aber als ich sie das erste Mal kennen lernte, änderte ich meine Meinung. Nach einiger Zeit stellte ich fest, dass sein Vater ein Arschloch war und Esme, die Mutter, einer der liebenswürdigsten Menschen, die ich jemals gesehen hatte.
Trotz der Umstände und des ekelhaften Regens, unterhielten wir uns noch einige Zeit. Es fühlte sich mit jeder Sekunde die verstrich vertrauter an. So fremd er mir eigentlich war, umso vertrauter erschien er mir, denn wenn man ihm näher zuhörte, erkannte man, dass er eigentlich nur eines wollte.
Ein ganz normales Leben!
Welches ihm genauso wenig zu stand wie mir, aber wir hatten was gemeinsam.
Es war eine sehr lange Nacht und nachdem ich ihm alles erzählt hatte, und es tat verdammt gut mir endlich einmal alles von der Seele zu reden, beschloss er, dass er mich mit zu seinem Vater nahm. Edward war sich sicher, dass er es ihm irgendwie bei brachte, dass ich ab dem heutigen Tage im Coven arbeiten sollte. Der Weg bis dahin, wo ich verstand was ein Coven war und genau meine Position kannte, war durchtränkt mit einigen Litern Blut und das doppelte an Trainingseinheiten und Leichen. Denn ein Coven- Mitglied trainierte nicht an so etwas einfachen wie einem Dummie oder einem Schießstand, nein wir übten am lebenden Objekt, meistens sogar an Mitgliedern im Coven.
Carlisle ließ mich härter ran nehmen, als jeden anderen, denn er war sauer und konnte mich bis heute nicht wirklich leiden. Ich war ihm ein Dorn im Auge. Seiner Ansicht nach, war ich Schuld daran, dass Edward sich gegen ihn immer öfter auflehnte, seine Art den Coven zu führen kritisierte, seine Entscheidungen anzweifelte und seine Befehle missachtete.
Gelegentlich hörte ich ihn, wie sich bei einem seiner Freunde über mich maßlos aufregte, obwohl ich Edward zu keinem Zeitpunkt beeinflusste, denn er wusste selber, was zu tun war.
Ich folgte ihm auf Schritt und Tritt, denn ich war es ihm schuldig. Ihm alleine hatte ich es zu verdanken, dass ich aus dem Schlammloch herauskam. Ein Dasein führte, dass ich mir nicht in meinen kühnsten Träumen ausdenken konnte und keine Angst haben musste, was der nächste Tag bringen würde, ob ich was zu essen bekam oder ob ich ihn überleben würde. Eine Existenz in Luxus, auch wenn ich Luxus nicht mit materiellen Dingen maß, sondern mit lebensnotwendigen Dingen, auf die ich bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr verzichten musste. Bis zu der Nacht, wo Edward Cullen mein Leben rettete und veränderte.
***
So war es auch, als wir nach einer mehr oder wenigen spektakulären Verfolgungsjagd, wieder zurück zu den Cullen fuhren. Edward fuhr nicht nur, er flog beinahe, wenn man uns erwischt hätte, wäre nicht nur der Führerschein weg. Nach knappen zehn Stunden Autofahrt und einigen unklaren Wortbrocken, die er mir an den Kopf warf, raste er die Auffahrt hinauf und bliebt quer vor der Haustüre stehen. Noch bevor wir wirklich ausgestiegen waren, flog schon die Haustüre auf und Carlisle trat mit bitterbösem Blick heraus. Hinter ihm stand Esme und versuchte an ihm vorbei zu sehen, was ihr mehr schlecht als recht gelang.
Als seine tiefe, ernste Stimme donnernd ertönte, erschauerte ich und meine Muskeln versteinerten. Wie angewurzelt blieb ich stehen und wartete ab, was nun auf mich zukam.
Eiskalt fragte er Ed, warum er wieder hier sei, da er ja andere Anweisungen gegeben hatte. Edward trat an ihm heran, stellte sich mit ihm auf Augenhöhe und zischte etwas schwer Verständliches. Die Miene des Vaters verzog sich nicht mal einen einzigen Millimeter. Edward schien erneut etwas zu sagen, aber diesmal wurde Carlisle überraschender Weise von Esme am Arm gezogen und durch den Überraschungsmoment gelang es ihr, ihn aus der Türe zu ziehen. Edward schlüpfte hinein und warf die Türe hinter sich zu.
Scheinbar sollte dies eine Unterredung ohne mich werden und das bedeutete, dass es die gesteigerte Version von Tod-Ernst war, aber das musste ich so hinnehmen, wie es war. Ich schlenderte nach hinten in den Garten und machte es mir in Esme´s Gartenschaukel bequem. Meine Gedanken flatterten nach London und kreisten dort eine Weile umher.
Innerlich verbrennend und von der Sehnsucht zerfressen, dachte ich darüber nach, ob es eine Möglichkeit gab, irgendwann einmal sesshaft zu werden und einfach einmal eine funktionierende Beziehung zu führen? Kaum, antwortete ich mir selber auf meine unausgesprochene Frage, denn dazu müsst Ed erst mal zu Ruhe kommen und wenn ich das richtig verstand, zog der Sturm gerade erst auf.
Nach einer kleinen Ewigkeit, wusste ich nicht mehr, wie ich hier noch sitzen oder liegen sollte, also stand ich auf und ging hinunter zu einem der unzähligen Obstbäume, die Esme gepflanzt hatte und kletterte hinauf. Ich machte es mir in einer der festen Astgabeln bequem und starte durch die Baumkrone hindurch in den klaren blauen Himmel.
Gegen eine örtliche Veränderung hätte ich persönlich nichts einzuwenden und auch nicht, dass dieses Hickack zwischen den Cullen und den Volturi endlich ein Ende finden würde, denn Carlisle war nie und wird auch nie an das Gebiet der Volturi herankommen, egal ob nun Bella, Aro oder Fletscher es leiten würde. Das Netz, das Aro damals schon um seine Areale gezogen hatte, war so filigran, feinmaschig gestrickt, dass es um einiges mehr, als pure Gewalt bedarf um an den eisernen Kern heran zu kommen, denn jedes Gebiet hatte eine eigene Aufgabe und sie funktionierten derartig perfekt, das man es selber laufen lassen konnte, ohne großartigem Zutun.
Erneut und wie schon so oft, fragte ich mich, ob sich Carlisle dessen eigentlich bewusst war, dass er Edward mit seinem Verhalten immerzu in die Arme der Volturi trieb. Eine Fusion der beiden, wäre das weltvereinende Optimum, aber er müsste sich eingestehen, dass seine Zeit gekommen war......
„Ja? Miranda? Ist etwas mit Alice, oder was hat dieser Anruf zu bedeuten?“ hörte ich Carlisle unter mir halblaut flüstern. Ich bildete mir ein, mich verhört zu haben, aber als er seiner Gesprächspartnerin klar machte, dass es zwischen ihnen nach wie vor so sei, dass es eine kurzfristige Angelegenheit und Alice zwar seine Tochter war, aber die beiden sonst kaum etwas miteinander verband, fiel ich beinahe vom Baum, denn das öffnete neue Türen und mischte das Blatt in diesem perfiden Spiel neu............
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