Trust me...... oder wer´s glaubt wird selig
„Was tust du hier?“ presste ich wütend heraus.
„Nichts Besonderes, aber ich denke du solltest absperren, wenn du nicht gestört werden willst.“ piepste es schrill. Mein Körper überzog sich mit Gänsehaut.
„Sollte ich... und du willst hier was genau?“ fragte ich genervt. Ich griff nach hinten in meinen Hosenbund und verfluchte mich gerade selber. Ich hatte meine Waffe vorhin einfach auf meinem Schreibtisch liegen lassen, nicht das ich gewusst hätte, was ich mit ihr tun sollte, aber zumindest würde es auch nur im Ansatz gefährlicher wirken. Ich beschloss mir nichts anmerken zu lassen und ging betont lässig zu Viktoria, die zum Glück nicht an meinem Schreibtisch stand, sondern am Fenster. Ich hoffte sie hatte nichts bemerkt.
„Weißt du, ich finde dich ja eigentlich ganz nett, aber ich versteh nicht, wieso Vati so einen Aufstand wegen dir macht. Du bist nichts Besonderes. Nicht mal gut aussehen tust du. Ich mein, du bist ganz hübsch, aber eher so Durchschnitt. Bevor du hier angekommen bist, hat er das ganze Haus umgebaut und es hieß immer nur Bella hier und Bella da. Ich hab nicht mal die Hälfte von dem Allen hier. Jeder hier hält mich für gestört und ganz ehrlich, mich öden die Besuche bei den Möchte-gern-Freuds schon schwer an.“ erzählte sie, gar nicht mal so wahnsinnig klingend. Ich erreichte währenddessen den Schreibtisch und schaffte es, scheinbar unbemerkt, meinen Freund und Helfer zu nehmen und hinter meinem Rücken zu verstecken, als Viktoria sich plötzlich umdrehte und mich mit leuchtenden Augen anstarrte.
„Ohh du naives Mädchen, die ist doch nicht geladen und die Waffenkammer, hier in diesen Räumen, hast du auch noch nicht entdeckt. Mal abgesehen davon, wenn ich dir etwas antun wollte, hätte ich es schon längst getan.“ meinte Viktoria wieder ziemlich schrill und ich zuckte instinktiv zusammen. Ich brachte keinen Ton heraus.
„Interessant, als du mit James hier alleine warst, kamst du mir gar nicht so schüchtern vor, aber jetzt, stumm wie ein Fisch. Nun ja, was solls. Ich wollte dich nur warnen, Bella. Du bist jetzt nun mal hier und du lebst ziemlich gefährlich. Freunde machst du dir vermutlich auch keine. Boris ist sauer auf dich und um ehrlich zu sein, nimmst du meinen Platz ein, was dich jetzt nicht besonders sympathisch macht, aber das macht nichts. Wir wollen ja alle nur spielen, oder? Wir sind doch alle eine große Familie und wir haben uns alle lieb, oder?“ meinte sie wieder leicht gestört und um ehrlich zu sein, hielt ich sie auch für ziemlich gestört. Ich denke, sie hat hin und wieder so ein paar klare Momente, aber die kommen nicht so oft vor.
„Viktoria??? Na, wo ist mein Mädchen? Viky?“ hörte ich vom Flur eine unbekannte Frauenstimme rufen.
„Amme? Ich bin hier, bei Bella, Amme! Kommst du mich holen? Ich möchte zurück in mein Zimmer bitte! Geht das Amme?“ rief sie ihr zu, den Blick ins nirgendwo gerichtet.
„Oh Hallo.. Sie müssen Bella Volturi sein, richtig? Ich hab schon so viel von Ihnen gehört. Ich bin froh, dass Sie wieder zu Hause sind. Ich denke, sie wurden vermisst, von allen hier.“ als sie den letzten Satz aussprach, sah sie Viktoria mitleidig an, die geistesabwesend im Zimmer herum guckte.
„Ähhhmm Yeah, ich bin auch froh wieder zu Hause zu sein, aber sie sind wohl neu hier, oder?“ fragte ich unwissend, gespielt freundlich und froh darüber hier zu sein.
Die Amme entschuldigte sich eilig dafür, dass sie so unhöflich gewesen war und sich nicht sofort vorgestellt hatte. Ihr Name war Tanja, den Nachnamen vergaß ich sofort wieder. Ich war froh, dass sie Viktoria mitnahm. Das war mir eine Lehre und ich schloss hinter ihnen die Türe ab. „Boaa, das ist hier vielleicht eine Freakshow!“ sprach ich zu mir selber. Hier war einer wahnsinniger als der andere, kaum zu glauben.
Während ich mich im Bad fertig machte, dachte ich noch mal über die vergangen Stunden nach und erinnerte mich daran, das Viktoria gesagt hatte, es gäbe eine Waffenkammer in diesem Zimmer. Ich nahm den Schlüsselbund und entdeckte tatsächlich eine kleine Fernbedienung. Meine Intuition sagte mir, dass ich besser im Ankleidezimmer nachschauen sollte. Dort betätigte ich die Fernbedienung und sofort setzten sich die Wände in Bewegung. Statt den großen Wandspiegeln, kam ein ganzer Setzkasten, voll mit den verschiedensten Waffen und Zubehör, zum Vorschein. Schusswaffen, Messer, sogar so etwas Ähnliches wie Pfeil und Bogen war zu finden. „Himmel-Arsch“ war das einzige, was ich dazu zu sagen hatte, aber da ich alleine hier war, musste ich auch nicht viel dazu sagen, oder?
Ich suchte etwas, dass so aussah, als würde es in meine Waffe passen und fand einen fix und fertig aufgefüllten Munitionsschlitten. Ich wusste nicht, woher ich das wusste, aber es erschien mir nur logisch, dass er hier unten hineingehörte. Also lud ich meine Waffe und entsicherte sie, so wie ich es gesehen habe, als es Boris getan hatte. Ich war erleichtert, dass sie nicht losgegangen war, aber ich fühlte mich gleich ein bisschen sicherer. Ich schloss die Kammer wieder und beschloss meinen Kleiderkasten auch abzuschließen. In diesem Haus konnte man ja nie wissen.
Ich ging zurück in mein Wohnzimmer und sah, dass mein Blackberry blinkte. Ich nahm das Handy und meine Waffe und ging ins Schlafzimmer, natürlich nicht ohne abzuschließen. Killmainham und Fort Knox war ein Scheiß dagegen.
Ich setzte mich in die Mitte meines Bettes und sah, dass ich eine Kurznachricht bekommen hatte.
00.24 James: „Noch wach?“
00:50: “Was interessiert es dich?“
00.51 James: „Nur so, dachte wir können unsere kleine Sparringeinheit von heute nochmal wiederholen?“
00.52: „Schlaf gut und träum von mir, Arschloch!“
00.52 James: „Bestimmt, Süße“
Ich ärgerte mich über ihn, aber fiel trotzdem in einen festen und tiefen Schlaf.
Mein Wecker gab einen Nerven raubenden Signalton von sich und ich sprang schon beinahe aus dem Bett. Ok...ich war genervt, ich war mehr als nur genervt. Ich befreite mich aus meinem Schafzimmer, ging erst mal lange duschen und suchte mir dann, in diesem Koloss von Kleiderschrank, etwas Passendes anzuziehen.
Was trägt man auf einem Schießübungsplatz? Ich war überfragt, da viel mir Alice ein. Ob ich sie wohl anrufen sollte? Warum nicht...wer wenn nicht SIE wüsste, was ich anziehen soll, aber dann kam ich mir blöd dabei vor. Ich suchte mir eine enge Jeans heraus, ein Top, zog noch eine Weste an und befand es als ausreichend. Im Schuhzimmer zog es mich zu diesen Rosenstiefeln hin und sie passten wie angegossen. Ich musste unbedingt dieser Alice danken.
Auf dem Weg nach unten kam mir Tanja entgegen und grüßte mich kurz und murmelte was davon, dass man mich schon im Esszimmer erwartete. Zum Glück deutete sie mir in die Richtung, da ich nicht gewusst hätte, wo ich hin muss. An dem Tisch, der eher einer Tafel glich, thronte Aro am Kopfende links und rechts, etwas mittig saßen Viktoria, James, Boris und Ivan. Ich nickte ihnen zu, ging zu dem freien Stuhl am anderen Ende der Tafel und saß Aro nun quasi gegenüber. Dieser versuchte ein Gespräch mit mir zu beginnen und Viktoria sah panisch auf, so als ob sie Angst hätte, dass ich ihren nächtlichen Besuch erwähnen würde. Ich meinte nur, dass ich gut geschlafen hätte und das man mich, aber jetzt auch entschuldigen müsste, da ich einen Termin mit Jasper hätte und ich mir noch nicht einig war, welches Auto ich nehmen sollte. Aro gab mir zu verstehen, dass es ganz gleich war welchen ich nehmen würde, aber er würde den Ram nehmen. Ich lächelte ihn das erste Mal an und wünschte ihnen allen noch einen schönen Tag. James Blick folgte mir, nachdem ich auf seine erbärmlichen Blicke nicht eingestiegen war, aber es durchaus registriert hatte und meine Knie anfingen, ganz weich zu werden.
In der Garage angekommen, suchte ich den Schlüssel für den RAM, schloss auf und kletterte hinein. Dieses Auto sah, nicht nur von außen einfach Bombe aus, sondern hatte innen auch noch alle Annehmlichkeiten, die man sich vorstellen konnte. Ich gab die Adresse in das Onboard Navigationssystem ein, schaltete das Radio ein, drückte den Toröffner und startete den Motor. Das Geräusch, das dieses Auto beim Starten von sich gab, würde Männerherzen höher schlagen lassen. Ich lenkte den Wagen vorsichtig hinaus und musste mich erst mal daran gewöhnen, dass Engländer aus meiner Sicht, auf der falschen Seite fuhren, aber daran gewöhnte man sich seltsamerweise schneller, als ich dachte. Nach einer knappen Stunde war ich mit dem Auto aus London hinaus als ich bemerkte, wie mich ein kleiner Opel verfolgte und fuhr langsamer. Als der Opel näher kam, erkannte ich diesen Ivan und wusste, dass er Aros Versicherung war, dass ich nicht abhauen würde. Ich hielt an, da mein Navi sagte, ich sei da und auf dem Parkplatz wartete auch schon ein Mann auf mich. Er war nicht gerade unattraktiv und sah von der Statur aus wie ein Bär, was ich, angesichts meiner Körpergröße, schon sehr beängstigend fand. Ich nahm meine Tasche, in der auch meine Waffe war und sprang aus dem Auto. Ivan war auch schon aus dem Auto geklettert und ich nickte ihm zu.
„Wie ich sehe reisen Madame nicht ohne Bodyguard. Mein Name ist Emmett und ich springe heute für Jasper ein, da ihm was Wichtiges dazwischen gekommen ist und wir ihren Unterricht aber nicht verschieben wollten.“ redete er ohne Punkt und Komma.
Als er endlich pausierte, erklärte ich ihm, dass ich mich freute ihn kennen zu lernen und dass er mich erstens, duzen sollte und zweitens, mein Name Bella war. Emmett bemerkte, dass er sich sicher sei, wir würden uns gut verstehen und er führte mich in das Innere des Gebäudes. Jetzt, also von Innen, sah das ganze schon eher aus, wie ein Schießübungsplatz. Emmett meinte, ich sollte ihm mal zeigen, was mein alter Herr mir gegeben hat. Ich zog meine Waffe aus der Tasche und legte sie vor ihm auf den Tisch.
„Boooa, sag mal, willst du mich quälen?“ jammerte ich „Du lässt mich jetzt seit 2 Stunden dieses Teil auseinander nehmen und zusammen bauen und immer wieder entsichern. Ich kann das nun auf alle erdenklichen Methoden und ich finde es auch wahnsinnig interessant, aber meinst du nicht, dass du mir langsam beibringen solltest, wie ich damit schieße?“ Emmett begann laut zu lachen und meinte, dass Geduld nicht unbedingt eine meiner Stärken wäre und ich bestätigte ihm nur zu gerne, dass er Recht hatte. Er zog mich auf die Füße, schnappte sich zwei paar Ohrschützer und führte mich weiter in die Kabine.
Er begann wieder zu lachen, “Gott kannst du dämlich gucken, hier setzt die auf, wäre ja blöd, wenn du taub werden würdest.“ und ich musste ihn automatisch angrinsen. Ich schätze Emmett so ein, dass er immer gut drauf und seine gute Laune so verdammt ansteckend war, dass man einfach auch gute Laune bekommen musste.
Er stellte sich hinter mich, richtete meine Ohrenschützer und setze sich seine auf. Emmett positionierte meine Beine und richtete meinen Oberkörper, so wie ich stehen sollte. Ich hob, wie vorher besprochen, meine Hände und hielt die Waffe in genau der Handhaltung, wie er es mir gezeigt hatte.
Wir hatten abgemacht, sobald die Hände oben sind und ich mich bereit fühlte zu schießen, sollte ich zweimal nicken. Ich füllte meine Lunge noch einmal kräftig mit Luft, nickte zweimal. Ich spürte, wie eine seiner Hände meine Hüfte umfasste und die andere sich, flach ausgestreckt, zwischen meine Schulterblätter drückte. Er gab sein Zeichen, ich versuchte zu zielen und drückte ab. Jetzt wurde mir klar, wieso er mich stützte. Diese Waffe hatte einen leichten Rückstoß und er wollte verhindern, für den Fall, dass ich erschrak, dass ich auf meinen Allerwertesten flog.
Wir begutachteten meinen ersten Treffer und waren beide total überrascht. Ich stammelte was von Anfängerglück und Emmett meinte, das würden wir ja sehen. Er befahl mir mein Magazin leer zu schießen. Ich ging wieder in Position und er stützte, jetzt nur mehr meine Hüfte, aber nicht mehr meinen Oberkörper. Ich zielte und drückte ab. Insgesamt noch achtmal und als wir die Scheiben zu uns holten, verfiel Emmett in die Nemostarre. Mein Gesichtsausdruck war sicher auch nicht besser, da ich es nicht glauben konnte.
„Bella?“ Ich schaute ihn ungläubig an. „Wie viele Leute hast du schon umgebracht und die wievielte Waffe ist das, die du da in der Hand hältst?“
„Ähhhmmm keinen, wobei mir öfter danach gewesen wäre und wenn man gestern dazu zählt, meine Zweite.“ meinte ich etwas verunsichert.
„Ok, das ist kein Glück, das ist Talent! Ich denke wir werden noch ein paar Mal mit der Kleinen üben und dann auf die etwas Größeren umsteigen. Wichtig ist, dass du an Kraft zulegst, aber dafür hast du ja auch jemanden, soweit ich weiß?“ erklärte er mir und ich konnte nur nicken. Ich packte es gerade gar nicht. Meine komplette Welt hatte sich mal wieder ein Stücken verschoben. Jeden Tag passierte etwas anderes.
Emmett meinte, dass wir das Training nach den vier Stunden heute, beenden und uns dann in zwei Tagen wieder sehen würden. Ich lud das Magazin nach, sicherte die Waffe und steckte sie in den Schultergurt. Im Anschluss zog meine Weste an und stellte fest, dass man die Waffe fast nicht sah. Ich verabschiedete mich und ließ mir vorher noch seine Telefonnummer geben, falls ich was von ihm brauchen würde. Im Auto schob ich mir die Sonnenbrille betont cool auf die Nase und fuhr zurück nach Hause. Ja verdammt, ich nannte es schon mein ZUHAUSE. Scheinbar wollte, wer auch immer, dass ich dieses Leben führte. Also tat ich es.
Auf Wiedersehen, Isabella-graue Maus, und bloß nicht auf Fallen-Swan, Hallo Isabella-Schau nicht so blöd oder ich leg dich um- Volturi.
Als ich den Ram in die Garage lenkte, sah ich, wie ein kleines rotes Cabrio um die Ecke kam und vor der Garage anhielt. Eine Frau stieg aus und schüttelte ihre lange, megablonde Mähne und ihre Figur war einfach nur der Hammer, also wenn das mein Personal Trainer ist, dann Gnade mir Gott.
„Hallo, Sie müssen Isabella sein, richtig? Mein Name ist Rosalie Hale, wir haben gestern telefoniert.“ sprach sie mit einer angenehmen, weichen Stimme. Ivan, der auch gerade beim Garagentor herein kam, fing schon an zu sabbern. Ich deutete ihm, dass er verschwinden sollte. Er starrte zwischen Rosalie und mir hin und her und begann dabei rückwärts zu gehen. Plötzlich hörte man ein lautes scheppern und ich brach in schallendes Gelächter aus. Ivan war über ein paar Eimer gefallen und hat sich fast am Gartenwerkzeug aufgespießt.
Ich fragte mich gerade, für welchen Garten das wohl war, aber verwarf den Gedanken schnell wieder, da Rosalie in den Fitnessraum gehen wollte. Wir zogen uns um und sie begann mir ein paar Aufwärmübungen zu zeigen. Sie offenbarte mir, dass wir ab jetzt, jeden Tag um acht Uhr morgens mit diesen Übungen beginnen würden. MOMENT WIR??? ACHT UHR MORGENS?? Ich runzelte nachdenklich die Stirn und sie erklärte mir, dass Emmett sie angerufen hatte und ihr sagte, dass wir uns mit Muskelaufbau und Kondition ran halten mussten. Na bravo Bella.
Rosalie erklärte mir, dass wir jetzt erst überprüfen, wie fit ich war und sie stellte mir dann einen Plan zusammen. Als Erstes jagte sie mich aufs Laufband, für ganze 5 Kilometer. Ich dachte ich muss sterben und anstatt mir dann eine Pause zu gönnen, ließ sie mich Sit Ups machen. Das Deprimierende an der ganzen Sache war, dass sie das alles mitmachte, ohne auch nur ein kleines bisschen zu schwitzen. Ich wurde grün vor Neid, aber ich schwor mir, irgendwann einmal genau so top fit zu sein, wie Rosalie. Irgendwann, so in 20 Jahren oder so. Nach den unzähligen Sit Ups kam dann ein bisschen Stepp- Aerobic und die Quälerei ging erbarmungslos weiter. Diese Frau musste was gegen mich haben, wieso sonst, sollte sie mich so quälen.
Während wir diese Stepper rauf und runter hopsten, bemerkte ich im Augenwinkel eine Gestalt und drehte den Kopf.
„Was machst du hier?“ spie ich ihm keuchend entgegen und er grinste mich nur blöd an.
„Ich schau mir nur an, ob du noch lebst und wollte dich fragen, ob wir dann ein bisschen mit der Armbrust schießen üben wollen?“ meinte diese Trantüte und ich gab ihm zu verstehen, dass er sich verpissen soll. Er zuckte mit den Schultern und meinte er kommt später noch mal.
Nach drei unendlich langen Stunden, mit diversen Übungen, deren Namen ich nicht mal kannte, stand ich endlich unter der Dusche. Ich schlüpfte in etwas bequemes, schnappte mir meinen Laptop und warf mich dann aufs Bett. Ich hatte echt keine Ahnung, wie ich das durchstehen sollte und vor allem, ich mein, es wird sicher nicht leichter in Zukunft. Oh ja, die Zukunft, noch so ein Punkt, der unklar ist. Meine Vergangenheit kannte ich ja und traute mich zu wetten, dass ich sie nicht hinter mir lassen kann. Ich grübelte noch eine Weile und schlief irgendwann ein.
Die nächsten Wochen verliefen immer im selben Rhythmus. Morgens um acht kam Rosalie. Wir verstanden uns mittlerweile richtig gut und meine Kondition stieg ständig an. Sie war so etwas, wie eine Freundin für mich geworden. Ich nahm mir felsenfest vor, auf eine ihrer Einladungen einzugehen und endlich mal andere Leute kennen zu lernen. Hier umgaben mich immer dieselben Leute, es war jeden Tag dasselbe. Ich kam mir ein bisschen vor, wie in einem goldenen Käfig.
Ich besaß alles, ich konnte alles, mir fehlte es an nichts, aber gleichzeitig hatte ich irgendwie gar nichts.
Im Umgang mit meinen Waffen, war ich mittlerweile unschlagbar. Emmett tat, was er nur konnte, um mich bei Laune zu halten und sorgte auch dafür, dass ich neue Waffen und neue Ziele bekam. Mein persönlicher Waffenschrank wuchs und wuchs. Die Schmuckstücke, die Aro für mich besorgt hatte, waren auch schon zu mir hoch gebracht worden. Sogar mit Pfeil und Bogen und der Armbrust konnte ich mittlerweile fehlerfrei umgehen. All das war kein Wunder oder Talent mehr, sondern Routine. Ich machte die ganze Woche nichts anderes. Diesen Jasper hatte ich bis heute nicht zu Gesicht bekommen. Emmett meinte nur, dass Aro ihn irgendwo hingeschickt hatte. Es war mir gleich, um ehrlich zu sein. James war mit ihm gegangen und das war gut so. Ich hatte endlich meine Ruhe von ihm. Er ließ keine Gelegenheit aus, um mich an zumachen oder sonst irgendwelche Annäherungsversuche zu unternehmen. Er tat mir ja ehrlich Leid, aber nicht, weil er es versuchte. Sondern, weil ich ihn immer nur abwies, obwohl mein Herz immer schneller schlug, wenn er in der Nähe war und meine Knie jedes Mal ganz weich wurden.
Eines Tages stand ich in unserem Keller und übte, wie so oft, Messer werfen und er kam an geschlichen, wie eine Katze. Er hatte nicht damit gerechnet, dass meine Reflexe schon so gut ausgeprägt waren und ehe er reagieren konnte, war es auch schon passiert. Eines meiner kleinen Messer steckte tief in seiner Hand und diese, war buchstäblich an die Wand gepinnt.
Oh, der konnte vielleicht fluchen. Als ich ihn losmachte, überrumpelte er mich und drückte mich mit all seiner Kraft gegen die Wand. So nah waren wir uns seit Ewigkeiten nicht mehr. Ich konnte seinen unglaublich männlichen Duft riechen und seine durchaus gut durch trainierten Muskeln fühlen. Seinen Lippen waren den meinen so nah. Es fehlte nicht viel, aber er machte keine Anstalten mich zu küssen, egal wie sehr ich es gewollt hätte. Er sah mir tief in die Augen und meine Knie gaben nach. Zum Glück war ich eingeklemmt. Er drehte seinen Kopf, fuhr mit seiner Nase meine Gesichtspartien nach, blieb mit seinem Mund an meinem Ohr stehen und hauchte „Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Bellas nicht.“ Danach setzte er einen Kuss auf mein Ohr und ich schloss, ganz unwillkürlich, die Augen. Ich spürte, wie etwas nasses, warmes, nach Rost riechendes über meine Schulter tropfte. Er hatte seine blutige Hand auf meiner Schulter abgelegt. Egal ob blutig oder nicht, ich genoss diese Berührung einfach. Bis ich ein piepsiges, gestörtes Kichern hörte. Mir war sofort klar, dass man Viktoria, mal wieder, aus den Augen gelassen hatte und sie sich, mal wieder, selbstständig gemacht hatte. James lies augenblicklich von mir ab und ich musste schauen, wie ich auf meinen Pudding Knien stehen konnte.
„Bella, Bella, Bella“ klatschte sie in ihre Hände „Ohhh, hab ich dich etwa gestört, das tut mir aber leid. Was machst du da? Du warst zu meiner Teeparty eingeladen, du bist aber nicht gekommen, dass ist unhöflich! Ich werde es Vati sagen!“ quietschte sie und drehte sich mit ihren langen Nachthemd im Kreis. Ich fragte mich, wann man ihr endlich diese neumodische, stylische Jacke geben würde, die man hinten schloss und die Hände vorne fixieren konnte.
„Viktoria, was machst du hier? Wo ist deine Amme?“ ich machte ein paar Schritte auf sie zu, schnappte sie an ihrem Oberarm und versuchte sie, aus dem Zimmer zu schieben. Ich hoffte inständigst, dass sie sich nicht wehren würde. Ich führte sie zu ihrem Zimmer, schob sie durch die Tür hinein und schloss ab. Den Schlüssel hatte mir Aro vor ein paar Wochen gegeben, da Viktorias Verhalten immer gestörter wurde. Ich nahm mir vor, mit ihm darüber zu reden, denn das konnte so nicht weiter gehen. Nachdenklich und hungrig ging ich in die Küche. Dort stand James und wusch sich die Wunde aus.
„Sorry nochmal dafür, war keine Absicht. Du solltest dich nur nicht mehr an mich heranschleichen, mittlerweile könnte es gefährlich werden.“ versuchte ich mich mich zu entschuldigen.
„AHA“ war das einzige, was er zu sagen hatte und ich starre ihn ungläubig an. Ich hasste es, wenn er „aha“ machte. Das ist eines der beschissensten Wörter, die ich kannte.
„Na dann“ meinte ich lapidar und schnappte mir eine Flasche Wasser und einen Apfel. In mir brodelte das Verlangen, ihm noch ein Messer in die Hand zu rammen, aber ich ließ es bleiben und ging in mein Zimmer. Ich warf mich aufs Bett, starrte die Decke an und aß meinen Apfel. Nach einiger Zeit beschloss ich, dass dieses es eigentlich nicht Wert war, mich wegen seinem AHA, so zu ärgern. Mühsam schwang ich mich auf, ging zu meinem Schreibtisch hinüber und holte mir meinen Laptop. Da ich aber selten an meinem Schreibtisch saß, zog ich mich wieder in mein Schlafzimmer zurück. Meine Gedanken drehten sich um die Zukunft, um die Vergangenheit und alles andere. Ich wusste nicht, was noch alles passieren würde.
Ich öffnete den Laptop und schaltete ihn ein. Irgendwas sagte mir, dass ich mit meiner Vergangenheit doch noch nicht so abgeschlossen hatte, wie ich es mir immer versuchte einzureden. Ich hatte sie in den letzten Wochen nur fast verdrängt.
Aus irgendeinem Grund schaute ich in meine alte Email Adresse und ich bereute es zu tiefst. Sechsundvierzig verschissene Emails von meinen Eltern.
Renee und Charlie haben mir geschrieben. Damit, dass mein Erzeuger mir Emails schreiben würde, hätte ich nicht gerechten. Ich klickte sie alle durch. Im Schnitt stand eh überall das selbe. Bla bla bla, Bella wo bist du? Schatz geht es dir gut? Komm nach Hause, und so weiter und so fort. Eine Mail glich der anderen bis auf diese eine.
Bella,
ich kann mir nicht im geringsten vorstellen, was passiert ist, dass du einfach so verschwindest.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass du entführt wurdest, oder das dir sonst etwas Grauenhaftes zugestoßen ist. Obwohl Charlie felsenfest davon überzeugt ist. Er hat wegen dir überall Plakate aufgehangen und sich zum Gespött der Stadt gemacht......
Die Polizei konnte deine Spur bis nach London zurück verfolgen, aber ab dann verschwindest du spurlos.
Die Suche wurde eingestellt, da die Polizei es für eine jugendliche Spinnerei hält und dadurch, dass du die USA verlassen hast, sehen sie sich nicht mehr zuständig dafür.
Deine sämtlichen Sparbücher sind leer geräumt.
Warum tust du mir das an? Was habe ich dir getan? Phil und ich haben versucht dir alles zu geben, was wir konnten.
Und du dankst es uns damit, dass du verschwindest? Dein Vater ist krank vor Sorge. Er hatte einen schweren Herzinfarkt und alles nur wegen dir. Granny liegt auch wieder im Krankenhaus. Es hat ihr das Herz gebrochen, dass du einfach so weg bist.
Bist du auf die schiefe Bahn geraten? Nimmst du Drogen? Bist du etwa schwanger?
Egal was es ist, du bist nicht alleine damit, wirklich nicht.
Komm wieder zurück zu uns. Ich verspreche dir, es wird keine Konsequenzen haben, ehrlich nicht.
Melde dich bei uns.
Wir vermissen dich!
WIRKLICH! Wir wollen, dass du zurück kommst.
Fühle dich gedrückt und bitte komm zurück.
Mom & Phil
PS: Dein Vater möchte auch, dass du zurück kommst!
In mir kochte einfach nur alles über. Es war mir ein Bedürfnis, ihr zurück zu schreiben. Die Tränen quollen mir nur so aus den Augen heraus. Ich weinte. Ich weinte so viel, wie ich die letzten Wochen, die ich hier war, nicht geweint hatte, obwohl ich jede Nacht, immer und immer wieder nach dem selben Traum aufwachte.
Mutter,
eigentlich ist es mir so ziemlich scheißegal, was du denkst und was du willst.
Du warst auch damit einverstanden, dass Phil alles dafür tat, um mich los zu werden,
also wirst du wohl damit leben müssen, mich verloren zu haben. Du hattest es in der Hand und du hast dich entschieden.
Hör endlich damit auf, immer alle anderen für deine scheiß Fehler verantwortlich zu machen.
Denkst du wirklich, ich glaub dir auch nur ein Wort? Wenn du wüsstest, was diese ekelhafte, trantütige Schleimbacke getan hat, würdest du nicht mehr bei ihm sein, glaub mir.
Ich glaube auch nicht, dass Phil auch nur einen Cent bereut, den er für mich bekommen hat!
Ja du hast richtig gelesen. Viel Spaß beim darüber nach denken!
Sag meinem Dad, dass er stark sein soll und Granny, dass alles wieder gut wird und ich sie liebe.
Was dich angeht Mutter:
Nimm deinen schleimigen Scheißhaufen von Mann und verschwindet aus meinem Leben!
Bella
Statt auf senden zu klicken, löschte ich alles und deaktivierte diesen Email Account. Um Granny tat es mir ehrlich leid, aber ich würde eine Lösung für uns finden. Ich wusste mittlerweile, dass man sie in ein Heim gesteckt hatte, aber nur das Mindeste bezahlte, um sie gerade so dort zu versorgen. Das musste ich auf jeden Fall ändern. Ich nahm mir vor, gleich morgen bei Aro vorbei zu schauen und ihn darum zu bitten. Ich denke es wurde Zeit, endlich was zu tun. Ich überlegte, wie ich Charlie eine Art Zeichen geben konnte, ohne, dass er die Suche wieder aufnahm. Ein Brief dauerte zu lange und eine Email konnte man zurück verfolgen. Anrufen und mit ihm sprechen konnte ich nicht. Er würde Fragen stellen, die ich ihm beantworten müsste. Ich überlegte fieberhaft weiter, bis mir wieder einfiel, dass ich die ganzen Sachen aus dem Hostel und auch die Sachen, die ich aus Phoenix mitgenommen hatte, in einem Schuhkarton, in die hinterste Schrankecke geräumt hatte. Wie von einer Tarantel gestochen, sprang ich auf, lief zum Schrank und suchte wie eine Gestörte. Als ich den Karton hervorzog, riss ich den Deckel herunter. Vor mir landete meine Kamera und mein Handy. Wehmütig nahm ich beides in die Hände und stand auf. Den restlichen Inhalt ließ ich achtlos liegen. Ich ging mit zitternden Knien zurück zu meinem Bett und setze mich darauf. Das Handy musste ich an das Ladegerät hängen, um es in Betrieb nehmen zu können. Nachdem ich den Pin Code eingetippt hatte, verfasste ich eine SMS an Charlie. Ich versuchte ihm mitzuteilen, dass es mir gut ging und er sich keine Sorgen machen müsste. Wenn die Zeit gekommen wäre, würden wir uns wiedersehen. Nach der Mitteilung, dass ich ihn liebte, schickte ich die SMS einfach los, stellte das Handy ab und warf es in den Müll. Die Kamera legte ich auf meinen Nachttisch. Sie sollte wieder ein Teil meines Lebens werden, denn mein Leben konnte nicht nur aus Training und nichts tun bestehen.
Extrem angepisst und teils noch immer sehr traurig, wanderte ich unter die Dusche und dann direkt zurück ins Bett. Müde sank ich auf die Kissen und driftete in einen tiefen, mir das Hirn vernebelnden Schlaf. Mein Hirn spielte wieder eine Szene ab, welche eindeutig meiner Vergangenheit zuzuordnen war...
Zuhause, in meinem neuen Zimmer...das Zimmer, in dem Haus, dass Phil gehörte. Es war mitten in der Nacht, Mom war vorhin von ihrem Job als Kellnerin nach Hause gekommen. Sie hatte eine extrem anstrengende Schicht hinter sich und war, wie sooft, tot ins Bett gefallen. Phil schlich im Haus herum. Ich hörte seine schweren Schritte, die in Richtung meines Zimmers kamen. Mein Körper begann zu zittern und zu schwitzen. Das Herz klopfte mir bis zum Hals und ich fing an zu beten, dass er doch bitte vorbei gehen und sich zu Renee legen sollte und mir meine Ruhe lassen soll. Aber ich hatte Pech, der Griff an meiner Tür ging nach unten und ich sah Phils Profil in meiner Tür und roch sein ekelhaftes After Shave, gemischt mit kaltem Schweiß und Rauch, einfach zum kotzen. Er atmete schwer, als er zu mir rüber kam und sich auf den Rand meines Bettes setzte. Ich spürte, wie er die Decke anhob, sich zu mir legte und mir einen Kuss auf den Nacken setze. Ich schauderte und versuchte von ihm weg zu kommen, was sich aber als schlechte Idee erwies, denn daraufhin schlang er seine Arme um mich und hielt mich fest. Es gab kein Entkommen mehr. Ich wand mich wie ein Fisch und dabei fegte ich sogar meinen Wecker vom Nachtisch. Phil zuckte und lag dann still, da er dachte, dass Renee das gehört hatte, aber die schlief den Schlaf der Gerechten und würde ihn nicht stören, bei seinem Tun. Seine schweißgebadeten, ekelhaften Hände fuhren unter mein Top. Ich versuchte, mit meiner staubtrocken Kehle zu schreien, allerdings brachte ich nur ein armseliges Krächzen heraus.
„Nichts Besonderes, aber ich denke du solltest absperren, wenn du nicht gestört werden willst.“ piepste es schrill. Mein Körper überzog sich mit Gänsehaut.
„Sollte ich... und du willst hier was genau?“ fragte ich genervt. Ich griff nach hinten in meinen Hosenbund und verfluchte mich gerade selber. Ich hatte meine Waffe vorhin einfach auf meinem Schreibtisch liegen lassen, nicht das ich gewusst hätte, was ich mit ihr tun sollte, aber zumindest würde es auch nur im Ansatz gefährlicher wirken. Ich beschloss mir nichts anmerken zu lassen und ging betont lässig zu Viktoria, die zum Glück nicht an meinem Schreibtisch stand, sondern am Fenster. Ich hoffte sie hatte nichts bemerkt.
„Weißt du, ich finde dich ja eigentlich ganz nett, aber ich versteh nicht, wieso Vati so einen Aufstand wegen dir macht. Du bist nichts Besonderes. Nicht mal gut aussehen tust du. Ich mein, du bist ganz hübsch, aber eher so Durchschnitt. Bevor du hier angekommen bist, hat er das ganze Haus umgebaut und es hieß immer nur Bella hier und Bella da. Ich hab nicht mal die Hälfte von dem Allen hier. Jeder hier hält mich für gestört und ganz ehrlich, mich öden die Besuche bei den Möchte-gern-Freuds schon schwer an.“ erzählte sie, gar nicht mal so wahnsinnig klingend. Ich erreichte währenddessen den Schreibtisch und schaffte es, scheinbar unbemerkt, meinen Freund und Helfer zu nehmen und hinter meinem Rücken zu verstecken, als Viktoria sich plötzlich umdrehte und mich mit leuchtenden Augen anstarrte.
„Ohh du naives Mädchen, die ist doch nicht geladen und die Waffenkammer, hier in diesen Räumen, hast du auch noch nicht entdeckt. Mal abgesehen davon, wenn ich dir etwas antun wollte, hätte ich es schon längst getan.“ meinte Viktoria wieder ziemlich schrill und ich zuckte instinktiv zusammen. Ich brachte keinen Ton heraus.
„Interessant, als du mit James hier alleine warst, kamst du mir gar nicht so schüchtern vor, aber jetzt, stumm wie ein Fisch. Nun ja, was solls. Ich wollte dich nur warnen, Bella. Du bist jetzt nun mal hier und du lebst ziemlich gefährlich. Freunde machst du dir vermutlich auch keine. Boris ist sauer auf dich und um ehrlich zu sein, nimmst du meinen Platz ein, was dich jetzt nicht besonders sympathisch macht, aber das macht nichts. Wir wollen ja alle nur spielen, oder? Wir sind doch alle eine große Familie und wir haben uns alle lieb, oder?“ meinte sie wieder leicht gestört und um ehrlich zu sein, hielt ich sie auch für ziemlich gestört. Ich denke, sie hat hin und wieder so ein paar klare Momente, aber die kommen nicht so oft vor.
„Viktoria??? Na, wo ist mein Mädchen? Viky?“ hörte ich vom Flur eine unbekannte Frauenstimme rufen.
„Amme? Ich bin hier, bei Bella, Amme! Kommst du mich holen? Ich möchte zurück in mein Zimmer bitte! Geht das Amme?“ rief sie ihr zu, den Blick ins nirgendwo gerichtet.
„Oh Hallo.. Sie müssen Bella Volturi sein, richtig? Ich hab schon so viel von Ihnen gehört. Ich bin froh, dass Sie wieder zu Hause sind. Ich denke, sie wurden vermisst, von allen hier.“ als sie den letzten Satz aussprach, sah sie Viktoria mitleidig an, die geistesabwesend im Zimmer herum guckte.
„Ähhhmm Yeah, ich bin auch froh wieder zu Hause zu sein, aber sie sind wohl neu hier, oder?“ fragte ich unwissend, gespielt freundlich und froh darüber hier zu sein.
Die Amme entschuldigte sich eilig dafür, dass sie so unhöflich gewesen war und sich nicht sofort vorgestellt hatte. Ihr Name war Tanja, den Nachnamen vergaß ich sofort wieder. Ich war froh, dass sie Viktoria mitnahm. Das war mir eine Lehre und ich schloss hinter ihnen die Türe ab. „Boaa, das ist hier vielleicht eine Freakshow!“ sprach ich zu mir selber. Hier war einer wahnsinniger als der andere, kaum zu glauben.
Während ich mich im Bad fertig machte, dachte ich noch mal über die vergangen Stunden nach und erinnerte mich daran, das Viktoria gesagt hatte, es gäbe eine Waffenkammer in diesem Zimmer. Ich nahm den Schlüsselbund und entdeckte tatsächlich eine kleine Fernbedienung. Meine Intuition sagte mir, dass ich besser im Ankleidezimmer nachschauen sollte. Dort betätigte ich die Fernbedienung und sofort setzten sich die Wände in Bewegung. Statt den großen Wandspiegeln, kam ein ganzer Setzkasten, voll mit den verschiedensten Waffen und Zubehör, zum Vorschein. Schusswaffen, Messer, sogar so etwas Ähnliches wie Pfeil und Bogen war zu finden. „Himmel-Arsch“ war das einzige, was ich dazu zu sagen hatte, aber da ich alleine hier war, musste ich auch nicht viel dazu sagen, oder?
Ich suchte etwas, dass so aussah, als würde es in meine Waffe passen und fand einen fix und fertig aufgefüllten Munitionsschlitten. Ich wusste nicht, woher ich das wusste, aber es erschien mir nur logisch, dass er hier unten hineingehörte. Also lud ich meine Waffe und entsicherte sie, so wie ich es gesehen habe, als es Boris getan hatte. Ich war erleichtert, dass sie nicht losgegangen war, aber ich fühlte mich gleich ein bisschen sicherer. Ich schloss die Kammer wieder und beschloss meinen Kleiderkasten auch abzuschließen. In diesem Haus konnte man ja nie wissen.
Ich ging zurück in mein Wohnzimmer und sah, dass mein Blackberry blinkte. Ich nahm das Handy und meine Waffe und ging ins Schlafzimmer, natürlich nicht ohne abzuschließen. Killmainham und Fort Knox war ein Scheiß dagegen.
Ich setzte mich in die Mitte meines Bettes und sah, dass ich eine Kurznachricht bekommen hatte.
00.24 James: „Noch wach?“
00:50: “Was interessiert es dich?“
00.51 James: „Nur so, dachte wir können unsere kleine Sparringeinheit von heute nochmal wiederholen?“
00.52: „Schlaf gut und träum von mir, Arschloch!“
00.52 James: „Bestimmt, Süße“
Ich ärgerte mich über ihn, aber fiel trotzdem in einen festen und tiefen Schlaf.
Mein Wecker gab einen Nerven raubenden Signalton von sich und ich sprang schon beinahe aus dem Bett. Ok...ich war genervt, ich war mehr als nur genervt. Ich befreite mich aus meinem Schafzimmer, ging erst mal lange duschen und suchte mir dann, in diesem Koloss von Kleiderschrank, etwas Passendes anzuziehen.
Was trägt man auf einem Schießübungsplatz? Ich war überfragt, da viel mir Alice ein. Ob ich sie wohl anrufen sollte? Warum nicht...wer wenn nicht SIE wüsste, was ich anziehen soll, aber dann kam ich mir blöd dabei vor. Ich suchte mir eine enge Jeans heraus, ein Top, zog noch eine Weste an und befand es als ausreichend. Im Schuhzimmer zog es mich zu diesen Rosenstiefeln hin und sie passten wie angegossen. Ich musste unbedingt dieser Alice danken.
Auf dem Weg nach unten kam mir Tanja entgegen und grüßte mich kurz und murmelte was davon, dass man mich schon im Esszimmer erwartete. Zum Glück deutete sie mir in die Richtung, da ich nicht gewusst hätte, wo ich hin muss. An dem Tisch, der eher einer Tafel glich, thronte Aro am Kopfende links und rechts, etwas mittig saßen Viktoria, James, Boris und Ivan. Ich nickte ihnen zu, ging zu dem freien Stuhl am anderen Ende der Tafel und saß Aro nun quasi gegenüber. Dieser versuchte ein Gespräch mit mir zu beginnen und Viktoria sah panisch auf, so als ob sie Angst hätte, dass ich ihren nächtlichen Besuch erwähnen würde. Ich meinte nur, dass ich gut geschlafen hätte und das man mich, aber jetzt auch entschuldigen müsste, da ich einen Termin mit Jasper hätte und ich mir noch nicht einig war, welches Auto ich nehmen sollte. Aro gab mir zu verstehen, dass es ganz gleich war welchen ich nehmen würde, aber er würde den Ram nehmen. Ich lächelte ihn das erste Mal an und wünschte ihnen allen noch einen schönen Tag. James Blick folgte mir, nachdem ich auf seine erbärmlichen Blicke nicht eingestiegen war, aber es durchaus registriert hatte und meine Knie anfingen, ganz weich zu werden.
In der Garage angekommen, suchte ich den Schlüssel für den RAM, schloss auf und kletterte hinein. Dieses Auto sah, nicht nur von außen einfach Bombe aus, sondern hatte innen auch noch alle Annehmlichkeiten, die man sich vorstellen konnte. Ich gab die Adresse in das Onboard Navigationssystem ein, schaltete das Radio ein, drückte den Toröffner und startete den Motor. Das Geräusch, das dieses Auto beim Starten von sich gab, würde Männerherzen höher schlagen lassen. Ich lenkte den Wagen vorsichtig hinaus und musste mich erst mal daran gewöhnen, dass Engländer aus meiner Sicht, auf der falschen Seite fuhren, aber daran gewöhnte man sich seltsamerweise schneller, als ich dachte. Nach einer knappen Stunde war ich mit dem Auto aus London hinaus als ich bemerkte, wie mich ein kleiner Opel verfolgte und fuhr langsamer. Als der Opel näher kam, erkannte ich diesen Ivan und wusste, dass er Aros Versicherung war, dass ich nicht abhauen würde. Ich hielt an, da mein Navi sagte, ich sei da und auf dem Parkplatz wartete auch schon ein Mann auf mich. Er war nicht gerade unattraktiv und sah von der Statur aus wie ein Bär, was ich, angesichts meiner Körpergröße, schon sehr beängstigend fand. Ich nahm meine Tasche, in der auch meine Waffe war und sprang aus dem Auto. Ivan war auch schon aus dem Auto geklettert und ich nickte ihm zu.
„Wie ich sehe reisen Madame nicht ohne Bodyguard. Mein Name ist Emmett und ich springe heute für Jasper ein, da ihm was Wichtiges dazwischen gekommen ist und wir ihren Unterricht aber nicht verschieben wollten.“ redete er ohne Punkt und Komma.
Als er endlich pausierte, erklärte ich ihm, dass ich mich freute ihn kennen zu lernen und dass er mich erstens, duzen sollte und zweitens, mein Name Bella war. Emmett bemerkte, dass er sich sicher sei, wir würden uns gut verstehen und er führte mich in das Innere des Gebäudes. Jetzt, also von Innen, sah das ganze schon eher aus, wie ein Schießübungsplatz. Emmett meinte, ich sollte ihm mal zeigen, was mein alter Herr mir gegeben hat. Ich zog meine Waffe aus der Tasche und legte sie vor ihm auf den Tisch.
„Boooa, sag mal, willst du mich quälen?“ jammerte ich „Du lässt mich jetzt seit 2 Stunden dieses Teil auseinander nehmen und zusammen bauen und immer wieder entsichern. Ich kann das nun auf alle erdenklichen Methoden und ich finde es auch wahnsinnig interessant, aber meinst du nicht, dass du mir langsam beibringen solltest, wie ich damit schieße?“ Emmett begann laut zu lachen und meinte, dass Geduld nicht unbedingt eine meiner Stärken wäre und ich bestätigte ihm nur zu gerne, dass er Recht hatte. Er zog mich auf die Füße, schnappte sich zwei paar Ohrschützer und führte mich weiter in die Kabine.
Er begann wieder zu lachen, “Gott kannst du dämlich gucken, hier setzt die auf, wäre ja blöd, wenn du taub werden würdest.“ und ich musste ihn automatisch angrinsen. Ich schätze Emmett so ein, dass er immer gut drauf und seine gute Laune so verdammt ansteckend war, dass man einfach auch gute Laune bekommen musste.
Er stellte sich hinter mich, richtete meine Ohrenschützer und setze sich seine auf. Emmett positionierte meine Beine und richtete meinen Oberkörper, so wie ich stehen sollte. Ich hob, wie vorher besprochen, meine Hände und hielt die Waffe in genau der Handhaltung, wie er es mir gezeigt hatte.
Wir hatten abgemacht, sobald die Hände oben sind und ich mich bereit fühlte zu schießen, sollte ich zweimal nicken. Ich füllte meine Lunge noch einmal kräftig mit Luft, nickte zweimal. Ich spürte, wie eine seiner Hände meine Hüfte umfasste und die andere sich, flach ausgestreckt, zwischen meine Schulterblätter drückte. Er gab sein Zeichen, ich versuchte zu zielen und drückte ab. Jetzt wurde mir klar, wieso er mich stützte. Diese Waffe hatte einen leichten Rückstoß und er wollte verhindern, für den Fall, dass ich erschrak, dass ich auf meinen Allerwertesten flog.
Wir begutachteten meinen ersten Treffer und waren beide total überrascht. Ich stammelte was von Anfängerglück und Emmett meinte, das würden wir ja sehen. Er befahl mir mein Magazin leer zu schießen. Ich ging wieder in Position und er stützte, jetzt nur mehr meine Hüfte, aber nicht mehr meinen Oberkörper. Ich zielte und drückte ab. Insgesamt noch achtmal und als wir die Scheiben zu uns holten, verfiel Emmett in die Nemostarre. Mein Gesichtsausdruck war sicher auch nicht besser, da ich es nicht glauben konnte.
„Bella?“ Ich schaute ihn ungläubig an. „Wie viele Leute hast du schon umgebracht und die wievielte Waffe ist das, die du da in der Hand hältst?“
„Ähhhmmm keinen, wobei mir öfter danach gewesen wäre und wenn man gestern dazu zählt, meine Zweite.“ meinte ich etwas verunsichert.
„Ok, das ist kein Glück, das ist Talent! Ich denke wir werden noch ein paar Mal mit der Kleinen üben und dann auf die etwas Größeren umsteigen. Wichtig ist, dass du an Kraft zulegst, aber dafür hast du ja auch jemanden, soweit ich weiß?“ erklärte er mir und ich konnte nur nicken. Ich packte es gerade gar nicht. Meine komplette Welt hatte sich mal wieder ein Stücken verschoben. Jeden Tag passierte etwas anderes.
Emmett meinte, dass wir das Training nach den vier Stunden heute, beenden und uns dann in zwei Tagen wieder sehen würden. Ich lud das Magazin nach, sicherte die Waffe und steckte sie in den Schultergurt. Im Anschluss zog meine Weste an und stellte fest, dass man die Waffe fast nicht sah. Ich verabschiedete mich und ließ mir vorher noch seine Telefonnummer geben, falls ich was von ihm brauchen würde. Im Auto schob ich mir die Sonnenbrille betont cool auf die Nase und fuhr zurück nach Hause. Ja verdammt, ich nannte es schon mein ZUHAUSE. Scheinbar wollte, wer auch immer, dass ich dieses Leben führte. Also tat ich es.
Auf Wiedersehen, Isabella-graue Maus, und bloß nicht auf Fallen-Swan, Hallo Isabella-Schau nicht so blöd oder ich leg dich um- Volturi.
Als ich den Ram in die Garage lenkte, sah ich, wie ein kleines rotes Cabrio um die Ecke kam und vor der Garage anhielt. Eine Frau stieg aus und schüttelte ihre lange, megablonde Mähne und ihre Figur war einfach nur der Hammer, also wenn das mein Personal Trainer ist, dann Gnade mir Gott.
„Hallo, Sie müssen Isabella sein, richtig? Mein Name ist Rosalie Hale, wir haben gestern telefoniert.“ sprach sie mit einer angenehmen, weichen Stimme. Ivan, der auch gerade beim Garagentor herein kam, fing schon an zu sabbern. Ich deutete ihm, dass er verschwinden sollte. Er starrte zwischen Rosalie und mir hin und her und begann dabei rückwärts zu gehen. Plötzlich hörte man ein lautes scheppern und ich brach in schallendes Gelächter aus. Ivan war über ein paar Eimer gefallen und hat sich fast am Gartenwerkzeug aufgespießt.
Ich fragte mich gerade, für welchen Garten das wohl war, aber verwarf den Gedanken schnell wieder, da Rosalie in den Fitnessraum gehen wollte. Wir zogen uns um und sie begann mir ein paar Aufwärmübungen zu zeigen. Sie offenbarte mir, dass wir ab jetzt, jeden Tag um acht Uhr morgens mit diesen Übungen beginnen würden. MOMENT WIR??? ACHT UHR MORGENS?? Ich runzelte nachdenklich die Stirn und sie erklärte mir, dass Emmett sie angerufen hatte und ihr sagte, dass wir uns mit Muskelaufbau und Kondition ran halten mussten. Na bravo Bella.
Rosalie erklärte mir, dass wir jetzt erst überprüfen, wie fit ich war und sie stellte mir dann einen Plan zusammen. Als Erstes jagte sie mich aufs Laufband, für ganze 5 Kilometer. Ich dachte ich muss sterben und anstatt mir dann eine Pause zu gönnen, ließ sie mich Sit Ups machen. Das Deprimierende an der ganzen Sache war, dass sie das alles mitmachte, ohne auch nur ein kleines bisschen zu schwitzen. Ich wurde grün vor Neid, aber ich schwor mir, irgendwann einmal genau so top fit zu sein, wie Rosalie. Irgendwann, so in 20 Jahren oder so. Nach den unzähligen Sit Ups kam dann ein bisschen Stepp- Aerobic und die Quälerei ging erbarmungslos weiter. Diese Frau musste was gegen mich haben, wieso sonst, sollte sie mich so quälen.
Während wir diese Stepper rauf und runter hopsten, bemerkte ich im Augenwinkel eine Gestalt und drehte den Kopf.
„Was machst du hier?“ spie ich ihm keuchend entgegen und er grinste mich nur blöd an.
„Ich schau mir nur an, ob du noch lebst und wollte dich fragen, ob wir dann ein bisschen mit der Armbrust schießen üben wollen?“ meinte diese Trantüte und ich gab ihm zu verstehen, dass er sich verpissen soll. Er zuckte mit den Schultern und meinte er kommt später noch mal.
Nach drei unendlich langen Stunden, mit diversen Übungen, deren Namen ich nicht mal kannte, stand ich endlich unter der Dusche. Ich schlüpfte in etwas bequemes, schnappte mir meinen Laptop und warf mich dann aufs Bett. Ich hatte echt keine Ahnung, wie ich das durchstehen sollte und vor allem, ich mein, es wird sicher nicht leichter in Zukunft. Oh ja, die Zukunft, noch so ein Punkt, der unklar ist. Meine Vergangenheit kannte ich ja und traute mich zu wetten, dass ich sie nicht hinter mir lassen kann. Ich grübelte noch eine Weile und schlief irgendwann ein.
Die nächsten Wochen verliefen immer im selben Rhythmus. Morgens um acht kam Rosalie. Wir verstanden uns mittlerweile richtig gut und meine Kondition stieg ständig an. Sie war so etwas, wie eine Freundin für mich geworden. Ich nahm mir felsenfest vor, auf eine ihrer Einladungen einzugehen und endlich mal andere Leute kennen zu lernen. Hier umgaben mich immer dieselben Leute, es war jeden Tag dasselbe. Ich kam mir ein bisschen vor, wie in einem goldenen Käfig.
Ich besaß alles, ich konnte alles, mir fehlte es an nichts, aber gleichzeitig hatte ich irgendwie gar nichts.
Im Umgang mit meinen Waffen, war ich mittlerweile unschlagbar. Emmett tat, was er nur konnte, um mich bei Laune zu halten und sorgte auch dafür, dass ich neue Waffen und neue Ziele bekam. Mein persönlicher Waffenschrank wuchs und wuchs. Die Schmuckstücke, die Aro für mich besorgt hatte, waren auch schon zu mir hoch gebracht worden. Sogar mit Pfeil und Bogen und der Armbrust konnte ich mittlerweile fehlerfrei umgehen. All das war kein Wunder oder Talent mehr, sondern Routine. Ich machte die ganze Woche nichts anderes. Diesen Jasper hatte ich bis heute nicht zu Gesicht bekommen. Emmett meinte nur, dass Aro ihn irgendwo hingeschickt hatte. Es war mir gleich, um ehrlich zu sein. James war mit ihm gegangen und das war gut so. Ich hatte endlich meine Ruhe von ihm. Er ließ keine Gelegenheit aus, um mich an zumachen oder sonst irgendwelche Annäherungsversuche zu unternehmen. Er tat mir ja ehrlich Leid, aber nicht, weil er es versuchte. Sondern, weil ich ihn immer nur abwies, obwohl mein Herz immer schneller schlug, wenn er in der Nähe war und meine Knie jedes Mal ganz weich wurden.
Eines Tages stand ich in unserem Keller und übte, wie so oft, Messer werfen und er kam an geschlichen, wie eine Katze. Er hatte nicht damit gerechnet, dass meine Reflexe schon so gut ausgeprägt waren und ehe er reagieren konnte, war es auch schon passiert. Eines meiner kleinen Messer steckte tief in seiner Hand und diese, war buchstäblich an die Wand gepinnt.
Oh, der konnte vielleicht fluchen. Als ich ihn losmachte, überrumpelte er mich und drückte mich mit all seiner Kraft gegen die Wand. So nah waren wir uns seit Ewigkeiten nicht mehr. Ich konnte seinen unglaublich männlichen Duft riechen und seine durchaus gut durch trainierten Muskeln fühlen. Seinen Lippen waren den meinen so nah. Es fehlte nicht viel, aber er machte keine Anstalten mich zu küssen, egal wie sehr ich es gewollt hätte. Er sah mir tief in die Augen und meine Knie gaben nach. Zum Glück war ich eingeklemmt. Er drehte seinen Kopf, fuhr mit seiner Nase meine Gesichtspartien nach, blieb mit seinem Mund an meinem Ohr stehen und hauchte „Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Bellas nicht.“ Danach setzte er einen Kuss auf mein Ohr und ich schloss, ganz unwillkürlich, die Augen. Ich spürte, wie etwas nasses, warmes, nach Rost riechendes über meine Schulter tropfte. Er hatte seine blutige Hand auf meiner Schulter abgelegt. Egal ob blutig oder nicht, ich genoss diese Berührung einfach. Bis ich ein piepsiges, gestörtes Kichern hörte. Mir war sofort klar, dass man Viktoria, mal wieder, aus den Augen gelassen hatte und sie sich, mal wieder, selbstständig gemacht hatte. James lies augenblicklich von mir ab und ich musste schauen, wie ich auf meinen Pudding Knien stehen konnte.
„Bella, Bella, Bella“ klatschte sie in ihre Hände „Ohhh, hab ich dich etwa gestört, das tut mir aber leid. Was machst du da? Du warst zu meiner Teeparty eingeladen, du bist aber nicht gekommen, dass ist unhöflich! Ich werde es Vati sagen!“ quietschte sie und drehte sich mit ihren langen Nachthemd im Kreis. Ich fragte mich, wann man ihr endlich diese neumodische, stylische Jacke geben würde, die man hinten schloss und die Hände vorne fixieren konnte.
„Viktoria, was machst du hier? Wo ist deine Amme?“ ich machte ein paar Schritte auf sie zu, schnappte sie an ihrem Oberarm und versuchte sie, aus dem Zimmer zu schieben. Ich hoffte inständigst, dass sie sich nicht wehren würde. Ich führte sie zu ihrem Zimmer, schob sie durch die Tür hinein und schloss ab. Den Schlüssel hatte mir Aro vor ein paar Wochen gegeben, da Viktorias Verhalten immer gestörter wurde. Ich nahm mir vor, mit ihm darüber zu reden, denn das konnte so nicht weiter gehen. Nachdenklich und hungrig ging ich in die Küche. Dort stand James und wusch sich die Wunde aus.
„Sorry nochmal dafür, war keine Absicht. Du solltest dich nur nicht mehr an mich heranschleichen, mittlerweile könnte es gefährlich werden.“ versuchte ich mich mich zu entschuldigen.
„AHA“ war das einzige, was er zu sagen hatte und ich starre ihn ungläubig an. Ich hasste es, wenn er „aha“ machte. Das ist eines der beschissensten Wörter, die ich kannte.
„Na dann“ meinte ich lapidar und schnappte mir eine Flasche Wasser und einen Apfel. In mir brodelte das Verlangen, ihm noch ein Messer in die Hand zu rammen, aber ich ließ es bleiben und ging in mein Zimmer. Ich warf mich aufs Bett, starrte die Decke an und aß meinen Apfel. Nach einiger Zeit beschloss ich, dass dieses es eigentlich nicht Wert war, mich wegen seinem AHA, so zu ärgern. Mühsam schwang ich mich auf, ging zu meinem Schreibtisch hinüber und holte mir meinen Laptop. Da ich aber selten an meinem Schreibtisch saß, zog ich mich wieder in mein Schlafzimmer zurück. Meine Gedanken drehten sich um die Zukunft, um die Vergangenheit und alles andere. Ich wusste nicht, was noch alles passieren würde.
Ich öffnete den Laptop und schaltete ihn ein. Irgendwas sagte mir, dass ich mit meiner Vergangenheit doch noch nicht so abgeschlossen hatte, wie ich es mir immer versuchte einzureden. Ich hatte sie in den letzten Wochen nur fast verdrängt.
Aus irgendeinem Grund schaute ich in meine alte Email Adresse und ich bereute es zu tiefst. Sechsundvierzig verschissene Emails von meinen Eltern.
Renee und Charlie haben mir geschrieben. Damit, dass mein Erzeuger mir Emails schreiben würde, hätte ich nicht gerechten. Ich klickte sie alle durch. Im Schnitt stand eh überall das selbe. Bla bla bla, Bella wo bist du? Schatz geht es dir gut? Komm nach Hause, und so weiter und so fort. Eine Mail glich der anderen bis auf diese eine.
Bella,
ich kann mir nicht im geringsten vorstellen, was passiert ist, dass du einfach so verschwindest.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass du entführt wurdest, oder das dir sonst etwas Grauenhaftes zugestoßen ist. Obwohl Charlie felsenfest davon überzeugt ist. Er hat wegen dir überall Plakate aufgehangen und sich zum Gespött der Stadt gemacht......
Die Polizei konnte deine Spur bis nach London zurück verfolgen, aber ab dann verschwindest du spurlos.
Die Suche wurde eingestellt, da die Polizei es für eine jugendliche Spinnerei hält und dadurch, dass du die USA verlassen hast, sehen sie sich nicht mehr zuständig dafür.
Deine sämtlichen Sparbücher sind leer geräumt.
Warum tust du mir das an? Was habe ich dir getan? Phil und ich haben versucht dir alles zu geben, was wir konnten.
Und du dankst es uns damit, dass du verschwindest? Dein Vater ist krank vor Sorge. Er hatte einen schweren Herzinfarkt und alles nur wegen dir. Granny liegt auch wieder im Krankenhaus. Es hat ihr das Herz gebrochen, dass du einfach so weg bist.
Bist du auf die schiefe Bahn geraten? Nimmst du Drogen? Bist du etwa schwanger?
Egal was es ist, du bist nicht alleine damit, wirklich nicht.
Komm wieder zurück zu uns. Ich verspreche dir, es wird keine Konsequenzen haben, ehrlich nicht.
Melde dich bei uns.
Wir vermissen dich!
WIRKLICH! Wir wollen, dass du zurück kommst.
Fühle dich gedrückt und bitte komm zurück.
Mom & Phil
PS: Dein Vater möchte auch, dass du zurück kommst!
In mir kochte einfach nur alles über. Es war mir ein Bedürfnis, ihr zurück zu schreiben. Die Tränen quollen mir nur so aus den Augen heraus. Ich weinte. Ich weinte so viel, wie ich die letzten Wochen, die ich hier war, nicht geweint hatte, obwohl ich jede Nacht, immer und immer wieder nach dem selben Traum aufwachte.
Mutter,
eigentlich ist es mir so ziemlich scheißegal, was du denkst und was du willst.
Du warst auch damit einverstanden, dass Phil alles dafür tat, um mich los zu werden,
also wirst du wohl damit leben müssen, mich verloren zu haben. Du hattest es in der Hand und du hast dich entschieden.
Hör endlich damit auf, immer alle anderen für deine scheiß Fehler verantwortlich zu machen.
Denkst du wirklich, ich glaub dir auch nur ein Wort? Wenn du wüsstest, was diese ekelhafte, trantütige Schleimbacke getan hat, würdest du nicht mehr bei ihm sein, glaub mir.
Ich glaube auch nicht, dass Phil auch nur einen Cent bereut, den er für mich bekommen hat!
Ja du hast richtig gelesen. Viel Spaß beim darüber nach denken!
Sag meinem Dad, dass er stark sein soll und Granny, dass alles wieder gut wird und ich sie liebe.
Was dich angeht Mutter:
Nimm deinen schleimigen Scheißhaufen von Mann und verschwindet aus meinem Leben!
Bella
Statt auf senden zu klicken, löschte ich alles und deaktivierte diesen Email Account. Um Granny tat es mir ehrlich leid, aber ich würde eine Lösung für uns finden. Ich wusste mittlerweile, dass man sie in ein Heim gesteckt hatte, aber nur das Mindeste bezahlte, um sie gerade so dort zu versorgen. Das musste ich auf jeden Fall ändern. Ich nahm mir vor, gleich morgen bei Aro vorbei zu schauen und ihn darum zu bitten. Ich denke es wurde Zeit, endlich was zu tun. Ich überlegte, wie ich Charlie eine Art Zeichen geben konnte, ohne, dass er die Suche wieder aufnahm. Ein Brief dauerte zu lange und eine Email konnte man zurück verfolgen. Anrufen und mit ihm sprechen konnte ich nicht. Er würde Fragen stellen, die ich ihm beantworten müsste. Ich überlegte fieberhaft weiter, bis mir wieder einfiel, dass ich die ganzen Sachen aus dem Hostel und auch die Sachen, die ich aus Phoenix mitgenommen hatte, in einem Schuhkarton, in die hinterste Schrankecke geräumt hatte. Wie von einer Tarantel gestochen, sprang ich auf, lief zum Schrank und suchte wie eine Gestörte. Als ich den Karton hervorzog, riss ich den Deckel herunter. Vor mir landete meine Kamera und mein Handy. Wehmütig nahm ich beides in die Hände und stand auf. Den restlichen Inhalt ließ ich achtlos liegen. Ich ging mit zitternden Knien zurück zu meinem Bett und setze mich darauf. Das Handy musste ich an das Ladegerät hängen, um es in Betrieb nehmen zu können. Nachdem ich den Pin Code eingetippt hatte, verfasste ich eine SMS an Charlie. Ich versuchte ihm mitzuteilen, dass es mir gut ging und er sich keine Sorgen machen müsste. Wenn die Zeit gekommen wäre, würden wir uns wiedersehen. Nach der Mitteilung, dass ich ihn liebte, schickte ich die SMS einfach los, stellte das Handy ab und warf es in den Müll. Die Kamera legte ich auf meinen Nachttisch. Sie sollte wieder ein Teil meines Lebens werden, denn mein Leben konnte nicht nur aus Training und nichts tun bestehen.
Extrem angepisst und teils noch immer sehr traurig, wanderte ich unter die Dusche und dann direkt zurück ins Bett. Müde sank ich auf die Kissen und driftete in einen tiefen, mir das Hirn vernebelnden Schlaf. Mein Hirn spielte wieder eine Szene ab, welche eindeutig meiner Vergangenheit zuzuordnen war...
Zuhause, in meinem neuen Zimmer...das Zimmer, in dem Haus, dass Phil gehörte. Es war mitten in der Nacht, Mom war vorhin von ihrem Job als Kellnerin nach Hause gekommen. Sie hatte eine extrem anstrengende Schicht hinter sich und war, wie sooft, tot ins Bett gefallen. Phil schlich im Haus herum. Ich hörte seine schweren Schritte, die in Richtung meines Zimmers kamen. Mein Körper begann zu zittern und zu schwitzen. Das Herz klopfte mir bis zum Hals und ich fing an zu beten, dass er doch bitte vorbei gehen und sich zu Renee legen sollte und mir meine Ruhe lassen soll. Aber ich hatte Pech, der Griff an meiner Tür ging nach unten und ich sah Phils Profil in meiner Tür und roch sein ekelhaftes After Shave, gemischt mit kaltem Schweiß und Rauch, einfach zum kotzen. Er atmete schwer, als er zu mir rüber kam und sich auf den Rand meines Bettes setzte. Ich spürte, wie er die Decke anhob, sich zu mir legte und mir einen Kuss auf den Nacken setze. Ich schauderte und versuchte von ihm weg zu kommen, was sich aber als schlechte Idee erwies, denn daraufhin schlang er seine Arme um mich und hielt mich fest. Es gab kein Entkommen mehr. Ich wand mich wie ein Fisch und dabei fegte ich sogar meinen Wecker vom Nachtisch. Phil zuckte und lag dann still, da er dachte, dass Renee das gehört hatte, aber die schlief den Schlaf der Gerechten und würde ihn nicht stören, bei seinem Tun. Seine schweißgebadeten, ekelhaften Hände fuhren unter mein Top. Ich versuchte, mit meiner staubtrocken Kehle zu schreien, allerdings brachte ich nur ein armseliges Krächzen heraus.
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