Freitag, 20. Januar 2012

Renee Pov:

Hier im Wohnzimmer sitzend und auf Bells wartend, schlich die Zeit immer langsamer voran.
Mein Mädchen wegzuschicken war mit Sicherheit der schwerste Moment in meinem Leben, aber es ging einfach nicht mehr. Ich vermisste sie schon, wenn ich nur daran dachte, dass sie bald weg war. Vermisste ihre Stimme, wenn sie mir etwas erzählte, ihr Lachen, wenn sie sich über etwas freute. Sogar die Zankerein zwischen uns werde ich vermissen, wenn sie weg war, aber ich konnte Bella nicht jedes halbe Jahr an einen anderen Ort mit schleppen, nicht wenn die Alternative so naheliegend war.


Charlie...

Ein einziges Mal forderte ich von ihm etwas ein und genau dann legte er sich quer. Erst als ich ihm mit seiner Aufsichts- und Sorgfaltspflicht drohte, sinnierte er sich darauf, dass er seine Tochter wieder sehen durfte und sie sogar für eine Weile bei ihm wohnen würde. Ich wusste, dass er sie auch vermisste.


Bells wollte schon vor einer Weile zu Charlie ziehen, der sich aber aus irgendeinem Grund wehrte. Als ich nachhakte, verstand ich es erst, denn er hatte eine neue Freundin und das Ganze war scheinbar noch ganz frisch. Ich verstand ihn, aber Bella interessierte es nicht. Vermutlich hatte er Angst, wie Bells darauf reagieren würde, oder seine neue Flamme auf die Tatsache, dass seine Tochter bei ihm einziehen würde...

Das Verhältnis zwischen Bella und Phil war nicht gerade das Beste und hatte sich auch nicht im Laufe der Zeit geändert oder dazu entwickelt. Sie hasste ihn, abgrundtief. In meinen Augen kam sie mit der Situation nicht zurecht und beide schwiegen sich über ihre Gefühle aus? Bellas Hass ihm gegenüber, war allgegenwärtig und auch jetzt, wo wir hier im Wohnzimmer saßen. Der Entschluss, Bella wegzuschicken, hing wie der modrige Grabgeruch eines alten, antiken Sarges in der Luft.

„Bella bitte.“ Ich versuchte sie zu beruhigen, aber es gelang mir nicht.
„Nein Mom, das kannst du nicht einfach schön reden, so wie du alles schön reden willst.“ Bitter ernst und mit eiskaltem Blick feixte sie mich an. Wann hatte ich den Moment in der Entwicklung meines Kindes verpasst, in dem sie so eiskalt wurde?

Verzweifelt versuchte ich es, ihr noch einmal zu erklären.
„Aber Bella, ich will doch nur, dass du einen festen Wohnsitz hast und nicht von einem Stadion zum nächsten mitziehen musst wie ein Nomade. Das ist doch kein Leben für dich. Phil und ich wollen...“
Ohne mir wirklich zuzuhören, auch nur einem einzigen, meiner Wörter Gehör zu schenken, hob sie die Hand und wischte meine Wörter achtlos aus der Luft.

„MUTTER, jetzt erzähl mir nicht, dass PHIL nur das Beste für mich will... du vielleicht, aber ER? NIEMALS, es interessiert ihn doch nicht, dass er uns trennt. Er will dich doch nur für sich allein haben. So wie er alles für sich beansprucht......“ presste sie wütend hervor. Ihre Mimik und Gestik sprachen Bände. Jeder Blick signalisierte den Unwillen, den sie mir entgegen brachte, wenn es darum ginge, mich zu verstehen. In dem Moment, wo sie das so direkt aussprach, zog sich mein Herz schmerzhaft zusammen.

„BELLA!!! Pass auf, wie du mit deiner Mutter redest.“ versuchte Phil für mich Partei zu ergreifen. Bellas verächtlicher, eiskalter Blick, Phil gegenüber, hätte die Hölle einfrieren lassen können.

„Bella......“ versuchte ich noch einmal zu ihr durch zu dringen, aber es war vergebens, denn sie schrie wütend „Ja Mutter...du hast mich doch sowieso schon dort, wo du mich haben willst.....im Flieger zu Dad, damit ich deinem neuen Leben ja nicht im Weg stehe...“
Unfähig, auch nur ein Wort herauszubringen, stand ich da und versuchte meine Tränen zurück zu drängen. Ich hatte das alles so nie gewollt. Die Situation ist aus den Fugen geraten und ich konnte ihr nicht mehr Herr werden.

„BELLA“ rief ich noch hinter ihr her, aber sie hatte sich schon zu Türe gewandt und verschwand, traurig blieb ich im Wohnzimmer zurück. Phil ging in die Küche und holte sich noch ein Bier....das fünfte oder sechste, in den letzten Stunden. Ungläubig wechselte ich den Blick zwischen der Türe, wo Bella soeben verschwunden war und Phil hin und her. Es ließ ihn einfach kalt. Emotionslos saß er in seinem Sessel, oder war in der Küche Nachschub holen.
Er betrank sich, wie so oft.
„Mach dir nichts daraus, widerspenstige Teenager.“ murmelte er bewusst laut aus der Küche. Ich schüttelte den Kopf. Nein, dachte ich still für mich, es war nicht nur Widerspenstigkeit, es war so viel mehr, aber es war entschieden und ich war felsenfest davon überzeugt, dass es das Beste für sie war.

Es war Phil´s Idee, dass Bella besser zu ihrem Vater ziehen sollte. Er hatte vehement darauf bestanden und er hatte Recht, denn Charlie konnte ihr eine beständiges zu Hause geben. Ich redetet es mir selber ein, immer und immer wieder.

Der Morgen, an dem wir sie zum Flughafen bringen würden, rückte immer näher. Ich hatte kaum ein Auge zugemacht. Die Nächte vor ihrer Abreise waren einfach nur blanker Horror. Die schlimmsten Szenen spielte mir mein Hirn ab, alle Ängste einer Mutter wurden spürbar real, auch wenn es nur Träume waren. Ich hoffte inständigst, dass sie mir deswegen nicht ein Leben lang Vorwürfe machen würde,  mich eines Tages verstehen könnte...

Ich stand in der Küche und wusch gerade Phil und mein Frühstücksgeschirr ab, als Bella nach mir rief. Irritiert ließ ich alles sofort stehen und liegen und lief zur Treppe, um ihr zu antworten. Mein Herz machte Luftsprünge als ich sie sagen hörte, dass sie mich oben kurz benötigte. Phil war auch oben bei ihr gewesen und bestimmt gab es wieder Krach, aber es war wie immer. Sie stritten sich, aber sie trugen ihre Streitigkeiten unter sich aus.

Ab und zu fragte ich mich, ob es besser gewesen wäre, vor 17 Jahren nicht einfach bei Charlie in diesem ewig grünen Kaff zu bleiben, damit Bella eine vollständige Familie hatte. Wäre es das gewesen, was sie gebraucht hätte? Die Vorwürfe zerfraßen mich heute noch, vor allem, wenn ich mitansah, dass aus ihr ein stilles, in sich selbst gekehrter Mensch geworden war, der aus Prinzip nur dann aus sich raus kam, wenn sie sauer wurde.

Als Mutter hatte ich wohl auf der vollen Länge versagt und jetzt schickte ich sie auch noch weg, aber diesmal war ich felsenfest davon überzeugt, dass es das Beste für sie sei.

Als wir im Auto saßen, legte sie wieder ihr „die-Welt-kann-mich-mal“ Benehmen an den Tag und signalisierte, dass sie nicht wollte, dass wir auch nur in das Flughafengebäude mit hinein kommen. Ich wollte ihr nach laufen, aber Phil hielt mich zurück. Ich brach förmlich zusammen, als sie ihre Koffer auf einen Wagen hievte und stolzen Schrittes voran schritt. Kein einziges Mal wand sie sich um.

Kein Lebewohl, kein Wiedersehen.
Innerlich starb ein Teil von mir.

Das war des letzte Mal, dass ich meine Tochter gesehen habe.

Dann kam der alarmierende Anruf aus Forks, dass sie nicht in ihrer Maschine saß und Charlie, der mir nur noch mehr Vorwürfe machte. Er betitelte mich, eine unfähige Rabenmutter zu sein, die es noch nicht mal fertig brachte, ihr Kind richtig in ein Flugzeug zu setzten und zu ihrem Vater zu schicken.

Er hatte ja recht. Phil hingegen nahm das alles sehr gelassen. Er war der Meinung, dass Bella wieder kommen würde, denn so seien die Teenager von heute nun mal. Er war davon überzeugt, dass sie noch irgendwo in Phönix herumirren würde und das zusammen mit ihrem ganzen Gepäck, denn das wurde bis heute nicht gefunden. Die Polizei, die ich gegen Phil´s Willen, eingeschaltet hatte, hörte nach einiger Zeit auf nach ihr zu suchen, denn es wäre aussichtslos länger als 3 Monate nach einer 17 Jährigen zu suchen. Außerdem bezweifelten sie, dass das Mädchen, mit der Menge an Bargeld und Kleidung, noch in den Staaten sei. Sie speisten mich mit fadenscheinigen Erklärungen ab und ich konnte einfach nichts tun.

Ich schrieb ihr E-Mails, in der Hoffnung, dass sie diese Nachrichten abrufen und mir antworten würde, aber nichts geschah....Anrufe wurden auf die Mailbox verwiesen, die irgendwann nur mehr mitteilte, dass sie voll sei und ich keine Nachricht mehr darauf sprechen konnte. Dabei hatte ich ihr noch so viel zu sagen, sie zu bitten nach Hause zu kommen... Vermutlich hatte sie bis jetzt noch keine meiner Mails oder SMS gelesen, keine Nachricht abgehört...

Vier Monate nach ihrem Verschwinden, flatterte eine Brief ins Haus. In diesem stand kurz und knapp drinnen, dass ich aufhören sollte ihr Nachrichten zu schreiben und das es sie nicht mehr interessierte, was in ihrer Familie passierte. Sie gehörte hier nicht mehr her und ich war für sie nicht mehr, als eine Bekannte.

Dieser Brief brach mir mein Herz mehr, als alles andere. Tagelang weinte ich und Phil tat so, als wäre nichts. Es interessierte ihn noch nicht einmal. Die Polizei erklärte mir, dass der Brief nicht in Amerika weggeschickt wurde, sondern aus Singapur und von dort konnten sie es nicht weiter zurück verfolgen, aber ich soll doch froh sein, dass sie scheinbar wohlauf sei.

Ich konnte das alles nicht verstehen. Jeder Versuch mit Phil darüber zu sprechen, prallte an ihm ab, wie an einer steinernen Wand. Er war nur mehr mit seiner Karriere beschäftigt, er  verreiste nur mehr.

Je mehr er unterwegs war, umso öfter fragte ich mich, ob es das alles Wert war. Der Kontakt zu Charlie reduzierte sich zu Beginn auf einen Anruf pro Woche, wo er mir mitteilte, dass er noch immer nichts erfahren konnte und das sich die Behörden stur stellten. Charlie hatte schnell die Grenzen seiner Möglichkeiten erreicht, denn als Polizeichef einer Provinzstadt wie er es war, fand er mit dem Verschwinden eines Teenagers, international nur wenig Gehör.

Gesundheitlich war er sehr angeschlagen. Die aufeinander folgenden Geschehnisse waren für ihn so belastend, dass sein ohnehin schwaches Herz, schwer gefährdet war. Es kam wie es kommen musste. Er hatte eine Herzattacke, von der er sich nur schwer erholte. Dennoch gab er die Hoffnung nie auf, dass er seine Tochter wieder finden würde.
Er tat alles dafür, schnell wieder auf die Beine zu kommen. Sogar die Ernährung hatte er sich, zwar zu Beginn etwas widerwillig, umstellen lassen, aber er gab nicht auf. Es ging um sein kleines Mädchen. In dieser Hinsicht war er um Welten stärker als ich. Er ließ sich von seinen Emotionen nicht hinunterziehen, sie trieben ihn an, noch verbissener nach ihr zu suchen.

Ein Monat später läutete es an meiner Türe und UPS überbrachte mir ein Paket. Mit zitternden Finger öffnete ich es und brach zusammen. Ich kniete mit dem Paket auf dem Boden und betrachtete den Inhalt.

Bellas Familienalbum und ein weiterer Brief lag darin.


Renee,

es wäre besser für uns alle, wenn du endlich verstehen würdest, dass ich weder von dir, noch von deiner restlichen Sippe, mehr etwas wissen möchte.

Hör auf nach mir zu suchen, du findest mich ja doch nicht.

Ihr seit für mich gestorben.
Versteh es endlich.

Bella.

Woher wusste sie eigentlich, dass man nach ihr suchte? War sie in der Nähe? Ihre Nachricht war eindeutig, aber woher wusste sie...? Alles war so seltsam.

Bella war darüber informiert, dass wir nach ihr suchten, aber wollte nicht gefunden werden. Hasste sie mich so sehr? War sie etwa auf die falsche Bahn geraten? Das waren doch Mafiamethoden, die man so nur aus dem Fernsehen kannte. Außerdem, wie sollte meine Tochter zu so einer Gesellschaft kommen, denn egal wie kratzbürstig sie war, sie hatte keine kriminelle Ader. So habe ich sie nicht erzogen.

Als ich mich beruhigt hatte, zumindest so weit, dass ich wieder aufstehen konnte, ohne sofort wieder in einen Heulanfall auszubrechen und Phil nach Hause kam, ihm um den Hals fiel und ihn schluchzend versuchte zu erklären, was in dem Brief stand, er es nur mit einem gleichgültigen Schulterzucken abtat, mich unsanft von ihm weg schob und sich kratzend zum Kühlschrank trollte, verstand ich die Welt nicht mehr.

Er war nicht für mich da, obwohl das alles seine Schuld war, denn wenn er sich mit meiner Tochter arrangiert hätte, dann hätte ich sie nicht zu ihrem Vater schicken müssen und sie wäre vielleicht noch hier, bei mir, in ihrem zu Hause, da wo sie hin gehörte....

Ich beschloss Charlie anzurufen und ihm diese Neuigkeit zu erzählen.
Charlie verstand erst kein Wort, aber nachdem ich es ihm noch einmal erzählte, kam es ihm ebenso seltsam vor, denn er erzählte mir, dass seine Mutter in ein anderes Pflegeheim gebracht wurde, auf Anordnung der Heimleitung. Diese hätte eine beträchtliche Summe per Scheck erhalten, mit der Anweisung, Granny in das beste Heim zu bringen, das es gab, denn Geld spielte keine Rolle. Als Veranlasser wurde nur ein Mann genannt, der eine große Schokoladenfabrik besaß und jedes Jahr eine beträchtliche Summe spendete und es sich zur Aufgabe gemacht hatte, armen Menschen zu helfen.

Charlie forschte nicht weiter nach, da alles nachvollziehbar gewesen sei, aber das mit unserer Tochter ergab keinen Sinn.

Ich konnte Charlie das Versprechen abnehmen, dass er sich melden würde, wenn er etwas erfahren würde.

Phil´s Interesse an Bella´s Suche oder meinem Gemütszustand war schwindend gering. Er ging arbeiten und kam wieder Heim, aber mehr war von ihm nicht zu erwarten.
Ich wusste weder aus noch ein, selbst Charlie begann langsam aufzugeben, denn jede Spur führte ins Nichts.

In meinem tiefsten Inneren war ich mir sicher, dass sie noch lebte, aber ich konnte und wollte mir nicht eingestehen, dass die Worte in ihren Briefen auch nur ein wahres Wort beinhalteten, zu mindestens redete ich es mir ein.


Die Wochen vergingen ohne ein Lebenszeichen, Phil und ich lebten nur mehr nebeneinander her. Charlie rief mittlerweile wieder jeden Tag an, auch wenn wir uns dann nur 20 Minuten an schwiegen, denn es gab keinerlei Neuigkeiten.

Eines Tages, es war ein Dienstag, konnte ich mich aufraffen in den Keller zu gehen, denn in einer Woche zogen wir um nach Memphis. Phil hatte einen neuen Job. Ich wollte nicht umziehen, aber er drohte auch ohne mich zu gehen und ich wollte ihn nicht auch noch verlieren und die Hoffnung, dass Bella bald wieder nach Hause käme, verblasste täglich. Die Hoffnung nicht aufgebend, deponierte ich unsere neue Adresse überall dort, wo ich dachte, dass sie eventuell nachfragen würde, wenn sie wirklich wieder zurück käme.

Meine Nachbarn, sogar die alte Misses Simmens, aus dem Tante Emmaladen um die Ecke, starrte mich bemitleidend an, auch wenn ich keinen Wert auf diese Mitleidstour hatte.

Wenn ich nicht noch immer daran glauben würde, dass Bella noch lebte und zurück kommt, wäre ich mit Sicherheit schon vom nächsten Hochhaus gesprungen, aber meine Hoffnung trieb die Lebensgeister immer wieder erneut voran.

Ich wollte gerade wieder zurück in den Keller gehen, als ich im Fernsehen einen Bericht hörte, dass der große, international tätige Boss des Volturi Enterprises- Unternehmens mit knapp 55 Jahren gestorben war und die Welt einen talentierten Unternehmer, einen Menschengönner und einen hervorragenden Golfspieler verloren hätte. Dieser Beitrag war derartig rührend präsentiert, dass ich davor stehen blieb, um ihn mir fertig anzusehen. Im Hintergrund sah man einige Männer im Anzug, mit geleckter Frisur und Unmengen an Karteikärtchen in der Hand, die sich um eine junge Frau scharrten, die in etwa Bellas Größe und Statur hatte. Vermutlich was das der Grund, wieso ich vor der Mattscheibe hängen blieb.

Die aufgeregte Reporterin keuchte ins Mikrofon, dass in wenigen Minuten Isabella Volturi, die Tochter des Multimillionärs und zugleich Nachfolgerin des Unternehmens, dessen Vermögen nicht so genau geschätzt werden kann, ein kurzes Statement abgeben wird.

Die Kameras schwenkten heranzoomend zu der Frau.
Sie trat an das Pult heran und die geladenen Reporter verstummten. Unsicher strich sie sich mit beiden Händen die langen, tiefschwarz wirkenden Haare aus dem Gesicht, befeuchtet mit der Zungenspitze die Lippen und biss anschließend kurz darauf herum. Sie öffnete mit einer Hand den Blazer des schlichten Damenanzuges und erhob die Stimme.

In angenehmer Tonlage begrüßte sie die wartende Meute von Reportern und alle Mikrofone wurden auf sie gerichtet.
Mein Herz blieb stehen.


Ich erkannte die junge Frau, die meiner Tochter mehr als nur ähnlich sah. Das und die Namensgleichheit war wie ein Schlag ins Gesicht. Das es Bella war, die da stand, hielt ich für schier unmöglich.


„Sehr geehrte Damen und Heeren,

danke das sie so zahlreich erschienen sind, auch wenn wir nichts anderes erwarteten.“ sprach sie mit einem leichten Grinsen, sogar die selben Grübchen hatte dieses Wesen, wie Bella, wenn sie verlegen lächelte.

„Bestimmt fragen Sie sich, wie das gehen soll, dass ich, mit dem zarten Alter von 22 Jahren, ein Unternehmen wie dieses weiterführen soll. Ich kann es Ihnen auch noch nicht so genau sagen. Es steht eines fest. Die Enterprise werde ich im Namen von Aro Volturi, in seinem Sinne weiterführen, sehe gespannt der Zukunft entgegen und werde, zusammen mit dem Aufsichtsrat und den Vorsitzenden Flechter und Macnamera, das Schiff schon schaukeln. Ich danke ihnen, für Ihr zahlreiches Erscheinen und wünsche Ihnen noch einen schönen Tag. Im Vorraum haben die Mitarbeiter dieses Hotels, ein ausgezeichnetes Fingerfood Buffet für sie zur Verfügung gestellt. Es ist mir eine Freude, sie herzlich einzuladen, kräftig zuzuschlagen.“, brachte sie ihre unkonventionelle Rede zu Ende, trat von dem Podest herunter und wurde sofort von einer Traube von Männern umzingelt und vor eine Wand geschoben, die mit schwarzem edlem Samt überzogen war, auf dem das Emblem der Familie Volturi prangt.

Wie sie da so stand, einen Fuß leicht vor den anderen gestellt, in Schuhen, die nicht zu ihren Füßen gehören wollten und sich leicht an ihren nächsten klammernd, bestätige sich meine Vermutung erneut. Das konnte nur meine Tochter sein, oder eine Doppelgängerin, was mir wahrscheinlicher vorkam, denn meine Tochter war gerade mal siebzehn Jahre alt gewesen und wie sollte sie überhaupt von jemanden anderen adoptiert worden sein.

Ich schob diesen Lichtblick für den Moment auf die Seite und begab mich auf den Weg in den Keller. Wehmütig drehte ich mich noch einmal zu dem TV-Gerät um und sah, wie diese Person, die meiner Tochter glich, noch immer da stand, unsicher in die Kamera blickte und das Blitzlichtgewitter über sich er ergehen ließ.

Ich schüttelte den Kopf über mich selber und, um den dummen Gedanken zu vertreiben, der sich in meinen Kopf gefressen hatte, dass es doch Bella war. Ohne etwas dafür zu können, standen mir schon wieder die Tränen in den Augen. Wie immer wenn ich an Bella dachte.

Nahm mein Medaillon, welches ich, mit einem Bild von meiner Tochter, um den Hals trug, in die Hand und hielt es für einige Sekunden fest. Tief ein und aus atmend wand ich mich wieder ab und setzte meinen Weg in den Keller fort. Ich wollte mich konzentrieren, mein Ziel war der Keller, alles in eine Schachtel packen, fertig für unseren erneuten Umzug.

Eine Weile schichtete ich Bücher, Zeitschriften und einen Haufen von Phils Zettel von A nach B. Es war mir ein Rätsel, wie ein einzelner Mensch, so viel Papier haben konnte. Sie sahen alle gleich aus, bis auf einen Umschlag. Einige Sekunden starrte ich ihn an, wusste aber nicht, was mich daran störte und legte ihn in einen der Kartons.

Ich schichtete weiter, als mir der Umschlag wieder vor mein inneres Auge gerufen wurde, er ließ mir keine Ruhe. Ungeduldig riss ich alles bis dahin eingeräumte wieder heraus, solange, bis ich die chlorgebleichte Papiertasche wieder in, meinen vor Aufregung zitternden, Händen hielt.

Sie drehend und wendend, suchte ich nach dem Grund, wieso er mich so störte, als ich über ein Relief fuhr. Irritiert hielt ich inne und wand meinen Blick zu meiner Hand. Unter meinem Zeigefinger prangte das selbe Zeichen, wie auf dem schweren Samtstoff im Fernsehen.

„Volturi Enterprise“ Was zur Hölle hatte Phil mit Volturi Enterprise zu tun? Zögernd schob ich meinen Finger unter die Lasche und hob sie an. Meine Hände zitternden wie Espenlaub, der Schweiß stand mir auf der Stirn und Panik machte sich unerklärlicherweise in mir breit.

Innerlich schimpfte ich mich selber aus, denn ich benahm mich, wie ein ängstlicher Teenager. Ich gab mir selber einen Ruck, griff hinein und zog einen Stapel Papier heraus.

Die ersten Seiten überflog ich nur, denn sie waren in feinster Beamtensprache geschrieben. Einzig und allein die Unterschriften machten mich stutzig.

„Renee Dwyer, Isabella Marie Swan, Aro Volturi“

las ich und konnte meinen Augen kaum glauben. Ich las die Namen noch einmal.

Sie veränderten sich nicht.

„Renee Dwyer, Isabella Marie Swan, Aro Volturi“

Ich schrie.

Ein erbärmlicher Schrei ging durch das leere Haus.
Es konnte nur ein Missverständnis sein, einfach nicht real.
Ich begann einige Stellen meiner Haut zwischen Daumen und Zeigefinger zu nehmen und kontinuierlich steigernd, fest hinein zu zwicken, aber ich wachte einfach nicht auf.

Den Packen Papier in meinen Händen auf den Boden werfend und hastig zerfleddernd, suchte ich nach dem Grund, warum diese Papiere im Besitz von Phil waren. Etwas weiter oben auf dem ersten Zettel stand die Antwort.

In fetten Großbuchstaben prangte das verheißungsvolle Wort, von dem veränderten Stückchen gebleichten Baum.

ADOPTIONSANTRAG

Ich verschlang selbst das Beamtendeutsch und verstand zwar nicht alles, aber ich konnte es mir zusammenreimen.

„Diese Frau im Fernsehen war meine Tochter!“, rief ich entsetzt aus.

„SCHATZ??“ donnerte Phils Stimme von der Kellertreppe hinter mir und ich wusste, es war zu spät um das alles noch zu verstecken...

Er machte ein paar schnelle Schritte und ich spürte seine Anwesenheit direkt hinter mir. So nah, dass ich seinen Atem in meinem Nacken fühlen konnte, denn aus einem mir unerklärlichen Grund, war ich aufgestanden. Den Antrag fest umklammert, felsenfest davon überzeugt, dass dies kein Missverständnis war.

Ich drehte mich um, sah ihm direkt in die weit aufgerissenen Augen, seine Ader auf der Schläfe pulsierte beängstigend. Sein Hand legte er auf meiner Schulter ab und ich versteifte meinen Oberkörper. Seine Finger, die sich fest in meiner Halsbeuge verkrampften und mir einen Schmerz durch den Körper jagten, machten mir höllische Angst.

Durch zusammengebissenen Zähne, zischte er mir aggressiv zu, was mir einfiel, in seinen Unterlagen herum zu wühlen. Eine Antwort hatte ich nicht parat. Um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, schlug er mir mit der flachen Hand ins Gesicht. Ich spürte den ersten Schlag, ich spürte den zweiten Schlag, beide stachen, als wäre ich mit dem Gesicht in einem Nadelkissen gelandet. Mein Kiefer schmerzte, aber ich ließ es mir nicht anmerken. Jeden weiteren Schlag ließ ich still über mich ergehen, es war so, als wäre ich einfach nicht anwesend.

Die Neuigkeit, dass meine Tochter lebt und mein vermeintlicher Ehemann, etwas mit ihrem Verschwinden zu tun hatte, katapultierte mich in eine andere Dimension.

Mit einem Mal schüttete mein Körper sämtliche Adrenalinreserven aus, die er besaß, denn ich fühlte mich ihm überlegen und das nicht nur geistig.

Bevor er mich noch einmal schlagen konnte, ließ ich meine Hand nach oben schnellen, bremste ihn und drehte den Kopf auf die Seite. Schwer atmend, die Luft schmerzhaft aus meiner Lunge pressend, ging ich einige Schritte zurück um ihn auszuweichen.

„SAG MIR WAS DU DAMIT ZU TUN HAST!“, befahl ich ihm.

„Das geht dich nichts an!“, zischte er.

„DAS GEHT MICH NICHTS AN? DAS GEHT MICH SEHR WOHL WAS AN!“, schrie ich ihn wütend an und griff nach der massiven Stehlampe, auf der kleinen Kommode neben mir.

„HEY HEY, lass die Lampe da stehen, Babe!“, meinte er salopp und versuchte mit den Händen eine beruhigende Geste zu deuten.

„Ich gebe dir gleich Babe! Sag mir sofort was hier los ist, oder ich....“, drohte ich ihm, obwohl ich mich stärker gebärdete, als ich tatsächlich war und ich wusste, dass er mich, ohne mit der Wimper zu zucken, aus nocken konnte.

„Stell dich nicht dümmer an, als du bist...du kannst doch lesen....Bella wurde von dem Volturisack adoptiert und du hast dem zu gestimmt.“, sprach er schulterzuckend gleichgültig.

Wutendbrand über die Tatsache, die sich mir gerade erschloss, dass er etwas mit dem Verschwinden zu tun und er zugelassen hatte, dass meine Tochter von einem wildfremden Mann adoptiert wurde, holte ich mit der Lampe in der Hand, so fest es mir möglich war aus und schaute zu, wie sie gegen Phils Kopf flog.

Er ging bewusstlos auf die Knie, eine feine Blutlache bildete sich um seinen Kopf herum.

Es war mir egal ob ich ihn getötet hatte, denn ich hatte nur mehr eines im Sinn:


FLUCHT & BELLA FINDEN.

CUT


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