Sonntag, 1. April 2012

 One last breath


Ich stehe vor einem Abgrund, um mich herum sind alle Menschen, die mich angeblich
 lieben. Der Wind faehrt sanft durchs Haar und mein Schmerz schiebt mich immer weiter in den Abgrund. Ich schreie, doch keiner hoert meine Schreie. Sie schauen nicht einmal in meine Richtung. Ich falle in den Abgrund und spuere, dass mich niemand haelt.

Bella Pov:

Wenn das die Hölle war, dann bestehe ich auf den Himmel, denn im Leben nicht, war ich so kaltblütig, dass ich das verdient hätte. - so viel zur Theorie.

Carlisle Cullen redete nur von dem einen. Ich sollte diese Dokumente unterschreiben, als ob ihm das etwas bringen würde. Nichts würde sich ändern, denn er könne nicht alle ermorden, die ihm im Wege stehen und das wären eine Menge Menschen. So abscheulich die Situation gerade war, so seltsam waren meine Gedanken.

Ich dachte in verschiedenen Ebenen.

Ebene 1- Der Koerper

Mein Körper war nur mehr eine Hülle aus Fleisch, das wiederum Knochen und Adern mit einer Menge an Blut beherbergte, die alles aushalten musste, was auf sie einwirkte. Als dieser widerliche, ekelhafte Mensch mit seinem scheiß Messer versuchte mich wahnsinnig zu machen, indem er die Messerspitze Punkt um Punkt immer wieder auf meine Fingerkuppen setzte, wollte ich schreien, aber das konnte ich nicht zulassen. Ich verkniff es mir so stark, dass mir Tränen in die Augen traten. Meine Nervenenden leiteten den Schmerz doppelt so stark weiter, als es vermutlich tatsächlich wehtat, aber ich hatte es kaum unter Kontrolle.

Einzig und allein der speziellen Atemtechnik, die mir James zeigte, hatte ich es zu verdanken, dass ich diese Tortur über mir ergehen lassen konnte, ohne Schwäche zu zeigen. Als sich die Klinge seines Messers in mein Fleisch hineintrieb, war ich einer Ohnmacht beängstigend nahe. Der Schmerzimpuls trieb sich wie ein Fegefeuer durch meinen Körper und versuchte mich innerlich zu verbrennen. Tausend Tode hätte ich sterben können, aber kein Schmerz war groß genug, um Carlisle das zu geben was er haben wollte und wenn er mich solange ausbluten ließe, bis ich dem Tode ins Gesicht sah, nur um mich dann wieder zurück ins Leben zu holen...

Ebene 2 – mein Geist

Ich versuchte meinen Geist so gut es ging in eine Schublade zu stecken, aber das gelang nicht immer, denn geistig war ich immer noch an Edward gebunden, meine Gedanken kreisten weniger um mich, als um all Diejenigen, die mich in den letzten Monaten begleiteten. Ich war mir sicher, dass die Zeit gekommen war um Abschied zu nehmen, denn mein Körper wusste schon, dass es dem Ende zuging, aber ich haderte noch mit mir selber, denn so leicht würde ich es ihm nicht machen.

Carlisle ging dazu über, zu versuchen, mich über meine Emotionen zu quälen, was ihm auch gelungen wäre, wenn meine Mutter, meine liebe, chaotische, immer zu verpeilte, ahnungslose Mutter nicht das einzig Richtige getan hätte....

Mich eiskalt anzusehen und zu behaupten, ich wäre nicht ihre Tochter, war das Beste, was sie tun konnte, denn sie alleine gab mir den Funken, der gefehlt hatte, um die eiskalte Mitstücknummer durch zu ziehen.

Renee hielt dem Ganzen bei weitem weniger stark stand als man glaubte, aber auch sie war die perfekte Schauspielerin. Carlisle verzweifelte an uns beiden und das genoss ich in vollen Zügen. Es gab mir Kraft, ein wenig Hoffnung und die Zuversicht, dass es sein könnte, dass wir das hier beide überleben würden.

Aber es kam wie es kommen musste, Mutter brach unter Carlisles Attacken zusammen. Natürlich war ich mir bewusst, dass sie es nicht ewig aushalten würde, aber die Hoffnung starb zuletzt.

Wir waren ein Teil einer Geschichte, eines ziemlich schrägen Märchens. Nie im Leben hätte ich es mir vorstellen können, dass jemals so etwas passierte, aber das Hier und Jetzt war einfach nur real.
Ich wusste nicht welchen Tag wir hatten, das Datum war auch irrelevant, aber gefühlsmäßig war ich nun schon knappe vierzehn Tage hier, vielleicht waren es auch weniger oder mehr, wer weiß das schon. Es machte das Ganze nicht erträglicher.

Edward...

Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass er mich hier raus holen würde? Gab es überhaupt einen Ausweg aus dieser Hölle?


Ebene 3- Das tatsaechliche Geschehen

Alles was geschah, nahm ich zwar auf, aber verarbeitete es nur langsam, oder gar nicht. Träge öffnete ich meine Augen als Alexis, bestürzt wie immer, den Raum betrat. Ohne auch nur ein Wort zu verlieren, ging sie hinüber zu dem Bildschirm und schaltete ihn ein. Sofort strahlte mir das süffisante Grinsen von Carlisle entgegen. Er hieß mich Willkommen zu einem neuen Tag in seinem Paradies, auch wenn ich nicht viel davon  mitbekäme, aber über den weiteren Verlauf dieses Aufenthaltes hätte ich ja die Fäden in der Hand.

Verwirrt starrte ich auf dem Bildschirm und verzog angeekelt mein Gesicht. Dass er nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte, wusste ich ja schon, aber es wurde nicht besser, sondern schlimmer und um ehrlich zu sein, hoffte ich, dass ich endlich bald einfach nur meine Augen schließen konnte und sie nicht mehr aufmachen musste.

Tod zu sein ist komisch... aber am Leben zu sein ist es auch.

Alexis stellte sich hinten mich und atmete schwer. Meine Mutter hing in ihrem Stuhl, der Kopf leblos nach unten gerichtet. Ihre Beine zitterten, die Hände waren um die Lehne des Stuhles geklammert, leises wimmern dröhnte aus den Lautsprechern. Mir lief es eiskalt über den Rücken, meine Finger krampften sich ebenfalls um die Armlehnen, mein Blick fixierte meine Mutter, Respektive das, was von ihr noch über war. Man sah ihr an, dass er sie gebrochen hatte und ich wusste, dass ich daran schuld war...

In meinem ganzen beschissenen Leben, hätte ich weder ihr, noch irgendwem anderen, auch nur einen Bruchteil dieses Erlebnisses gewünscht.

Er trat hinter sie, fasste kräftig in ihr Haar hinein und zog ihren Kopf fest nach hinten.
Ein lauter, schriller Schrei brach die Stille, meine Augen weiteten sich, ich biss mir auf die Lippen, so fest, bis ich mein warmes Blut und dessen rostig-salzigen Geschmack auf meiner Zunge spürte.  Carlisle grinst nur debil und zog ein Messer von einem der Beistelltische hinter ihm und  hielt es deutlich in die Kamera, als wären wir hier in einer dieser Dauerwerbesendungen, wo der Zuschauer günstig für 99,99 ein zweites Messer dazu bekommt, wenn er sich beeilt und innerhalb der nächsten fünf Minuten anrief...

Mein Herz begann zu rasen, instinktiv hielt ich meinen Atem an. Er setzte die Klinge an ihren Hals und säuselte meiner Mutter ein paar unverständliche Worte ins Ohr. Tränen liefen ihre Wangen entlang und mit gebrochener Stimme flehte sie mich kaum hörbar und heiser an, ihm endlich alles zu geben, was er möchte. Zielsicheres Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit.

Drauf und dran sofort los zuschreien, dass er aufhören soll, sah ich, wie sie ihren Blick hob und direkt mit roten, verheulten Augen in die Kamera blickte. Ein letzter Funken Mut und Tapferkeit lag in ihrem Blick, sich vollkommen im Klaren darüber, was sie nun tat. Es lag klar auf der Hand, was sie vorhatte, aber ich wollte es verhindern, denn die Wahrscheinlichkeit, dass wir hier lebend raus kämen war gleich Null.

**** Zeitraffer****Erzaehlerpov

Carlisle Cullen griff zum Messer, der moderne doppelt gefaltete, chinesische Stahl blitzte angsteinflößend im blendenden Sonnenlicht. Sein gestörtes, besessenes Lachen ließ sogar Alexis vor Angst erstarren. Es war einer dieser Augenblicke, die vor Anspannung nur so geladen war.

Renee riss ihre Augen weit auf und sprang von ihrem Stuhl. In der Hoffnung, dass ihre Fesseln, wie durch ein Wunder, zerreißen würden, riss sie daran und wurde sehr unsanft zurück gehalten. Das charakteristische Knacken in der Schulter und ihr unterdrückter Schrei ließ jeden, mit nur einem Minimum an Verstand wissen, dass sie sich so eben die Schulter überdehnt hatte.

Carlisle grinste nur dreckig. Seine vor Aufregung leicht bebende Hand, griff zielsicher nach ihrem Haarschopf und riss ihn gewaltvoll nach hinten. Das Messer fuhr in derselben Geschwindigkeit nach vorne, wie eine hungrige Kobra ihre Mahlzeit mit einem Biss betäubte. Lautlos und sauber glitt die Schneide nur durch die ersten Hautschichten, minimal liefen die ersten Blutstropfen über die bleiche, schweißnasse Haut von Bellas Mutter.  Ihr Wimmern durchzog das Schweigen wie Fingernägel auf einer Schiefertafel.

Mit weit aufgerissenen Augen saß Bella in ihrem Stuhl und zitterte am ganzen Körper. Alexis, die gerade noch starr wie eine Marmorstatue dastand, sank wie ein nasser Sack zu Boden. Im ersten Moment hätte man meinen können, es wäre der Schock gewesen, der sie dahin gerafft hatte. In Wirklichkeit jedoch, war es ein stattlicher, großgewachsener Mann mit  kurzen, schwarzen Haaren, der sie mit einem gekonnten Schlag ausgeknockt hatte. Mit nur einem einzigen, lockeren Handgriff löste er die Fesseln und trat vor Bella, ging in die Knie und wartete ihre Reaktion ab.

Sie stand unter Schock und egal wie sie reagieren würde, er würde es vertragen.

Bella zitterte und wippte leicht vor und zurück, den Blick starr auf den Monitor gerichtet, ohne wahr zu nehmen, was sich dort gerade zutrug. Das Szenario zwischen Edward und seinem Vater wirkte perfekt einstudiert, in Wirklichkeit war es nur der Umstand der Routine und der fahle Beigeschmack der Rache, der Edward dazu trieb, seinen Vater mit eisernen Griff gegen die Wand der Hütte zu drücken und ihn zu entwaffnen. Seine zittrige Faust landete zweimal in dem süffisanten Grinsen seines Vaters, jedoch waren die Schläge so schwach dosiert, dass sie maximal ein zwei blaue Flecken hinterlassen würden, aber mehr auch schon nicht mehr.
Keiner hatte das optisch eher nach einer Nussschale aussehende, pechschwarze Speed Boot mit dem silbrig, geschwungenen Namen „Thunderstorm“ kommen gehört, oder gesehen. Die beiden Jungs hatten es mit viel Glück geschafft, ungesehen und vor allem lebend, aus der Maschine zu kommen. Das Boot anmieten war Gott sei Dank nur eine Formalität, die man mit genug Vitamin B lösen konnte und wie so oft taten sie dies, ohne mit der Wimper zu zucken, aber diesmal mit einem gewichtigen Grund. Denn Edwards Liebe zu Bella und der Hass zu seinem Vater trieben ihn an.

Rache und Sehnsucht waren der betriebsame Motor und der Garant für den Erfolg dieser Rettung.

Jake hob seine Hände, legte sie an Bellas Gesicht, fixierte es vorsichtig und richtete ihren Blick auf sich. Willenlos ließ sie es geschehen, mit erschrockenen Augen sah sie ihn erst ängstlich, dann zornig an. Doch mit einem Mal löste sich ihre zornige Miene und ein erleichterndes Lächeln überzog ihr Gesicht. Instinktiv riss sie ihre Hände nach vorne und erwartete den gewohnten Widerstand, der jedoch blieb aus. Sie schlang ihre kraftlosen Arme um seinen Hals und er zog sie behutsam hoch.

Bella war schwächer als erwartet und Jake konnte sie nur stabilisieren, indem er einen Arm um ihre Mitte schlang. Immer wieder hörte man sie den Namen Edward nuscheln, nur tat sie sich gerade schwer damit, bei Bewusstsein zu bleiben, da ihr Kreislauf alles andere als richtig arbeitete.

Wütende Schreie kamen aus den Lautsprechern des Monitors und Jake erschrak, denn er wusste nicht, dass Bella immer alles via Liveübertragung zu sehen bekam, aber als er den bewegten Bildern folgte, konnte er erahnen, welch Qualen sie ausgesetzt war. Um nichts in der Welt hätte er das durchmachen wollen und er war sich sicher, dass er sich den tot herbei gewünscht hätte.


Plötzlich begann Bella um sich zu schlagen und schrie wie eine Gestörte los. Ihre geballten Fäuste schlugen rücksichtslos auf alles ein, was ihnen in die Quere kam. Geschockt ließ er sie los und sie rannte bei der Türe hinaus. Kaum zehn Schritte kam sie von alleine, als ihre Beine nachgaben.

Ihr tränennasses Gesicht in den heißen Sand gedrückt, wimmerte sie immer wieder den Namen ihrer Mutter und den von Edward. Hilfesuchend vergruben sich ihre Hände immer und immer wieder im Sand. Erst starrte er ihr nur hinterher, brauchte einige Minuten bis er ihr nachlief. Wieder hob Jakob sie hoch und wollte sie zielstrebig Richtung Speed Boot tragen, aber sie weigerte sich erneut. Wie von einer inneren Macht angetrieben, bestand sie lautstark darauf, dass er sie zu Edward brachte und er entschloss sich ihrem Wunsch Folge zu leisten. Federleicht wie sie war, waren die wenigen Meter, die die beiden Hütten eigentlich auseinander waren, schnell zurück gelegt.

Vorsichtig schob er die Türe mit der Fußspitze auf und trat ein.

Das Bild, das sich einem hier bot, glich dem einer Folterkammer. Renee blutete aus ihrer Wunde am Hals, hielt aber eine Hand hin, um die Blutung so gut wie möglich zu stoppen. Dieser Versuch gelang nur mäßig und es war nur eine Frage der Zeit, wie lange sie noch aushielt. Sie war schwach, beinahe zu schwach und so etwas wie Blutkonserven in der Universalblutgruppe Null-negativ  waren natürlich nicht vorrätig- wie denn auch, an so etwas dachte Edwards Vater nicht.

Edward war noch immer damit beschäftigt, seinen Vater gegen die Wand zu drücken, konnte sich nur nicht überwinden ihn zu töten, obwohl er sich in dem Recht sah, es zu tun, auch wenn es eigentlich Bella war, der es am ehesten zustand. Den Ellbogen fest gegen Carlisles Kehle gedrückt, sorgte er zwar für eine etwas knappe Luftzufuhr, aber es war nun mal alles andere als lebensbedrohlich. Jake stand mit Bella am Arm, wie bestellt und nicht abgeholt, da und wusste nicht so genau, was er denn nun am besten machen sollte. Isabella hing, fertig mit dieser Welt, gerade in Jakes Armen, als sie, wie von einem Stromschlag erfasst, hochfuhr.

Bella erschrak erneut, als sie das Gesamtbild wahrnahm und gleichzeitig forderte sie, stark wie eh und je, von Jake  losgelassen zu werden. Edward konnte seinen Augen kaum trauen, als er den Schatten sah, den Bella darstellte und ließ seinen Vater vor lauter Schrecken los. Carlisle landete unsanft auf dem harten Boden und blieb ebenfalls etwas irritiert sitzen.

Leichenblass, mager und ausgetrocknet, aber durch und durch beflügelt, durch das körpereigene Adrenalin, stichelte sie sich selber zu Höchstleistungen an. Logisch, war es nur eine Frage der Zeit, wie lang dieses anhielt, aber so genau konnte man das bei Bella nie sagen. Sie wuchs schon öfters über sich hinaus und überraschte alle mit ihrer Leistung.

Bella schob Jake eindrucksvoll zur Seite, griff nach einem der Messer, die wohl ebenfalls Carlisle gehörten und schritt erhobenen Hauptes, aber mit fixierendem Blick, auf Edwards Vater zu. Unsicher, was nun geschehen wird, trat Edward sicherheitshalber einige Schritte zur Seite, ließ aber die prekäre Situation keines Wegs aus dem Auge, denn er wusste, dass Bella jetzt zu allem bereit war. Natürlich war es für ihn eine ungewohnte Situation und eigentlich sollte er doch immer zu seiner Familie stehen, aber gerade in diesem Moment, erkannte er nur zu deutlich, dass Bella und Jake mehr seine Familie darstellten, als Carlisle es jemals getan hatte. Auch wenn die Beziehung zwischen Bella und ihm noch nicht einmal richtig begonnen hatte, wusste er, dass er sie für immer lieben würde und das allein, war für ihn Grund genug, sich gegen seinen Vater zu entscheiden.

Abrupt stoppte sie keine drei Meter von Carlsile entfernt. Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und ihr ohnehin schon aggressiv erhöhter Pulsschlag legte noch einen Takt zu.
„Du mieses Drecksschwein, hast es gewagt Hand an meine Familie zu legen. Dies wäre eine Sache zwischen dir und mir gewesen, aber du musstest unbedingt meine Familie mit hineinziehen.“, flüsterte Bella heißer.

Alle Blicke im Raum waren auf sie gerichtet und keiner außer ihr bemerkte, wie Carlisle sich an der  Wand hoch stemmte und nach einer 45iger griff, die auf dem Tisch lag. In unmenschlicher Geschwindigkeit hob Bella den Arm mit dem Messer und schleuderte es zielsicher auf die Hand des Vaters, welche sogleich, mit einem erbärmlichen Schrei, durchbohrt wurde. Der Wurf saß, natürlich nicht perfekt, aber die eine oder andere Sehne hatte die Klinge auf alle Fälle zerschnitten.

Jake und Edward zogen scharf die Luft ein, Renee bekam von dem Ganzen kaum mehr etwas mit. Ihr recht lebloser Körper lag leicht zitternd auf dem staubigen Fußboden, ihre Augen waren halb geschlossen und ihr Atem war flach, um ihren Hals herum bildete sich allmählich eine Blutlache. Vermutlich hatte Carlisle doch etwas tiefer geschnitten, beziehungsweise dürfte er die Hauptschlagader angeritzt haben. Im Normalfall keine große Angelegenheit, aber da Renee ja nicht unbedingt die Jüngste und körperlich sehr angeschlagen war, beeinflusste ihre Verletzung  dramatisch ihren Körper.

„Jake, bring meine Mutter hier raus und verdammt noch mal hilf ihr, statt nur dumm herumzustehen und wie ein Fisch zu glotzen!“, befahl sie in rauem Ton. „Edward, schau zu das der Spastmatiker hier nicht noch mehr Schaden anrichtet, ich bin noch nicht fertig mit ihm.“ Unschlüssig, was er mit diesem Befehl jetzt machen sollte, hob er ratlos die Schultern und packte seinen Vater am Shirt, riss ihn daran hoch und platzierte ihn grob auf einem der Hocker, der in der Nähe stand.

Bella setzte unsicher einen Fuß vor dem anderen und blieb direkt vor Carlisle stehen, blickte ihn mit eiskaltem Blick von oben herab an und begann zu lautstark, hysterisch zu lachen. Es war eine natürliche Überreaktion ihres Unterbewusstsein, dass sich nach wie vor  gut versteckt in ihrem Geist hielt, denn im Moment agierten nur Bellas Killer und Rache- Instinkte. Vermutlich versuchte ihr „Ich“ einen dauerhaften Schaden vorzubeugen.

„Du bist so arm Carlisle, weißt du das eigentlich? Phil war schon ein armer Trottel und ich hätte nie damit gerechnet, dass es noch armseliger geht, aber wie heißt es so schön, schlimmer geht immer.“, beendete sie ihre Ansage und nahm ein weiteres Messer von denen, die noch herumlagen.

Für jemanden mit der Menge an Erfahrung, wie sie Carlisle Cullen eigentlich haben sollte, ging er reichlich sorglos mit seinen Waffen um, welche ihm diesmal vermutlich endgültig zum Verhängnis werden würden. Edward hielt seinem Vater mit eisernem Griff an Ort und Stelle, bis Bella direkt vor ihnen stand.

Bella und Edward standen sich das erste Mal seit ihrer Entführung wieder gegenüber. In ihren Blicken lagen so viele Worte, das sie selbst Shakespeare nicht gerecht, formschön niederschreiben hätte können. Die Liebe der beiden war durchwegs spürbar und beinahe plastisch darstellbar gewesen, wenn dieser Moment nicht so einen brutalen Beigeschmack gehabt hätte und Carlisle zwischen den beiden nicht die ganze Zeit hin und herschauen würde. Ed hob seinen rechten Arm,  wollte seine zitternde Handfläche an ihr aschfahles, eingefallenes Gesicht legen und sie auf die Stirn küssen, unterließ dies aber, wollte sich diesen Moment für einen späteren, besonderen Zeitpunkt aufheben. Ließ stattdessen von Carlisle ab und entschloss sich aus der Hütte zu gehen, denn er wusste, dass sie vermutlich kein Erbarmen mit ihm haben würde.

Einen kurzen Moment blickte sie ihm sehnsüchtig nach, konnte sich aber sofort wieder auf ihr eigentliches Vorhaben fokussieren.

„Weißt du, eigentlich sollte ich dich auf die nächste Palme hängen und ausbluten lassen, oder dich einfach den wilden Tieren hier auf der Insel überlassen, aber sogar das wäre eine noch zu milde Strafe für jemanden wie dich.  In den letzten Tagen habe ich mir so einiges zurecht gelegt, wie ich dich foltern würde, wenn ich den die Gelegenheit dazu bekäme, aber keiner der Methoden würde dem gerecht werden, was du eigentlich verdient hättest.“, zischte sie und setzte das Messer an seiner Wange an.

„Ein kleiner Schnitt für die Ärzte des örtlichen Krankenhausen, aber ein großer Schnitt für mich, oder wie war das nochmal? Ich bin so vergesslich geworden in letzter Zeit. Naja, ist auch nicht wichtig...“, setzte sie leise ihr Gespräch fort, auch wenn Carlisle in diesem Fall eher wortkarg wirkte. Noch immer hielt sie die Messerspitze an seine Wange und begann langsam den Druck auf seiner Haut zu erhöhen. Sie wünschte sich gerade sehnsüchtigst ein stumpfes Messer, so dass er noch mehr davon spüren würde, wie sich die Klinge mühselig, erst durch die ersten Hautschichten arbeitet, um schlussendlich das Fleisch zu entzweien, aber da hier nun mal keine abgenutzten Messer herumlagen, begnügte sie sich notgedrungen damit.

Ihr Opfer zischte erst nur mit schmerzverzerrtem Gesicht, konnte es sich aber dann nicht mehr verkneifen. Carlisle begann zu schreien, ob vor Schmerzen oder Angst, war ihr egal.

Der erste Schnitt glich einer schmalen, schrägen Linie und begann allmählich zu bluten. Langsam begannen die Blutstropfen ihre Reise und verendeten auf seinem Shirt. Sie legte die Klinge seitlich an die Wunde und drückte darauf, so dass sie aufklaffte.

Wieder schrie er, das war etwas, zu dem er Bella nie bewegen hätte können, zu winseln wie ein Hund. Er war schwach, das sah man, aber ihr war es noch nicht genug. Er sollte sich sein Leben lang, nicht nur geistig, an sie erinnern können, nein, sie musste ein Zeichen setzen, das jeder, der ihn zu Gesicht bekam wusste, dass er sich mit ihr angelegt und himmelhoch verloren hatte.

Erneut setzte sie sein Messer an und schnitt ein weiteres Mal einen Strich in sein Fleisch, nahm einen Tupfer und wischte das Blut weg, aber nicht, ohne ihn vorher in Sterilium zu tauchen, so dass es schön brannte, als der Alkohol seine Wunde berührte.

Edward lief ungeduldig vor der Türe auf und ab. Unsicher, ob er wieder hineingehen, oder ob er tatsächlich das Schicksal seines Vaters in die Hände von Bella legen sollte. Noch bevor er einen Entschluss fassen konnte, geschah etwas, womit er hätte rechnen müssen und auch diese Erkenntnisse werden nicht die letzten des Tages sein....

Wieder traten fürchterliche Schreie nach außen, so dass Edward erschrocken zusammenzuckte.
Egal wie sehr er es verbergen wollte, aber er konnte den Schmerz mitfühlen und er hoffte, dass Bella es nicht endlos in die Länge ziehen würde, denn das würde er nicht mit ansehen können.

Dick gerötet hatte das V auf Carlisle Wange allmählich aufgehört zu bluten, dennoch war Bella noch nicht ganz zu Frieden mit ihrem Werk. Sie setzte erneut an und schnitt zwei gleichgeformte, etwas geschwungene Halbkreise an den ersten Strich und lächelte sanft, als es erneut begann zu bluten.

„Bella Volturi, Carlisle, du bist gebrandmarkt wie eine Weide Kuh.“ Ihr helles Lachen übertöne sogar seine Schreie, als sie wieder den Tupfer anfeuchtete und darüber wischte. Nicht zärtlich, aber auch nicht brutal fest.

Sie rief Edward herein und bat ihn, seinen Vater zu fesseln und auf den, ach so bequemen Sessel zu setzten. Nur wiederwillig tat er, was sie gesagt hatte und bemerkte zu spät, dass sie auf schwankenden Beinen nach draußen lief. Keine zehn Schritte an der frischen Luft angekommen, sackte sie in sich zusammen, wie ein nasser Sack. Der Adrenalinschub, den sie hatte, ließ nach und sie sickerte in ihre eigene, warme, friedvolle Welt ab, in der es so etwas, wie gerade eben, einfach nicht gab.

Edward setzte seinen gut verschnürten Vater in eine, seiner Ansicht nach, halbwegs bequeme Position, wünschte ihm beiläufig noch einen schönen Tag und lief schnellen Schrittes zu Bella. Diese lag, nach wie vor, regungslos im heißen Sand und bewegte sich nicht. Besorgt ließ er sich unsanft vor ihr auf die Knie fallen. Er versuchte sich krampfhaft daran zu erinnern, was man ihm damals in der Schule beigebracht hatte zum Themenschwerpunkt Ohnmacht, aber er vermutete, dass er ausgerechnet an diesem Tag mal wieder unpässlich gewesen war.


Er konnte sich dunkel daran erinnern, dass die in den Baywatchfilmen immer den zu Retteten so leichte Ohrfeigen verpasst hatten, aber er wollte Bella ja nicht misshandeln, oder ihr irgendwelche Hämatome zufügen. Wertvolle Minuten verstrichen, in denen er sich nicht absolut sicher war, dass er das richtige tat, aber gab es in so einem Fall viel Richtig oder Falsch? Er half ihr mit Sicherheit nicht, indem er nichts tat, dessen wurde er sich auch bewusst und legte vorsichtig seine Hand an ihre Wange. Die ersten zwei Versuche glichen eher einer Liebkosung als einer Backpfeife. Versuch drei und vier waren schon etwas härterer Natur und zeigten in der Tat Wirkung.

Bella kam nur langsam zu sich und als sie die Augen aufschlug, zuckte sie instinktiv zusammen und als sie die Hände vor die Augen schlagen wollte, traf sie, zum Leidwesen Edwards, seine Nase. Obgleich der Schlag auch eher zarter Natur war, dürfte er schmerzlich gewesen sein, denn ein schmerzverzerrtes Zischen löste sich von seinen Lippen und seine Hand fuhr automatisch auf den von ihr getroffenen Fleck.

„Edward.....“, flüsterte sie mehr heiser, als leise und mit einem schmerzdurchzogenes Lächeln. Liebevoll besorgt, legte er seinen Zeigefinger auf ihre Lippen und brachte sie automatisch zum Schweigen, löste den Finger wieder und schob beide Hände, sachte unter ihren, viel zu schmalen Körper, hob sie hoch und brachte Bella zum Speed Boot, wo hoffentlich Jake schon auf sie wartete. Leise flüsterte er immer wieder an ihr Ohr, dass sie nur mehr kurze Zeit durchhalten müsste, bis sie sich ausruhen konnte und das er sie liebte und es ihm unendlich leid täte, was sein Vater mit ihr und ihrer Mutter getan hatte und das er es niemals soweit hätte kommen lassen dürfen und das er ein unglaublicher Vollidiot war.

Sie lächelte jedes Mal bei dem Wort Vollidiot.

Edward lief noch ein letztes Mal zurück, nachdem er Bella sicher im Boot abgesetzt hatte und vergewisserte sich, ob Alexis noch lebte. Es kam schon mal vor, das Jake in seiner Hektik etwas zu fest zuschlug und diese Person dann leider verstarb. Gerade als er in die Behausung kam, wo Bella tagelang gefangen war, sah er, wie sich besagte Person, leicht verwirrt, am Boden rührte. Er ging angedeutet vor ihr in die Knie, hob ihren Kopf vorsichtig an und erklärte ihr in kurzen Schritten, was nun ihre Aufgabe sei. Sie bejahte den Befehl, hier bei Carlisle zu bleiben, bis Edward sie abholen ließ. Er trug ihr auf, sich um den Trottel von Vater zu kümmern, ihn aber keinesfalls loszubinden.

Sie nickte nur zustimmen, hatte insgeheim ganz andere Pläne mit ihm, denn er musste ihr noch verraten, wo er ihre Tochter versteckt hielt. Sie kannte die Mittel und Wege, aus ihm herauszubekommen, was sie wissen wollte. Sie würde ihn mit denselben Mitteln schlagen. Edward legte ihr zum Abschiedsgruß kurz seine Hand auf die Schulter, nickte, erhob sich und ging hinaus.

Die Rückfahrt ans Festland ging, dank Jakes rücksichtslosen Fahrstiles und des guten Wellenganges, erstaunlich schnell. Unweit von der Küste lag eine kleine Privatklinik, die in der Regel eigentlich immer die Highsociety des Showbiz beherbergte, wenn mal wieder der Nasenrücken verrutscht war, oder Oma´s Weihnachtskekse mal wieder die Kleidergröße 34,5 auf eine normale 38+ wachsen ließ. Jake´s geistiger Allgegenwertigkeit war es zu verdanken, dass die Ärzte dort schon bescheid wussten und auf das Quartett warteten. Obwohl er und Edward noch am fittesten aussahen, bestand der  Arzt darauf, alle durchzuchecken. Unfreiwillig gaben sie sich geschlagen und stellten zwei Stunden später fest, dass Renées Zustand beängstigend und trotz ihres eisernen Willens, es beinahe zu spät gewesen war, doch noch lebte sie, aber keiner der Ärzte traute sich, eine genaue Überlebensprognose zu stellen. Sie hatte viel Blut verloren und ihr Allgemeinzustand war bei Gott nicht der Beste gewesen. Psychologisch gesehen, würde sie eine längere Therapie in Anspruch nehmen müssen, aber das war aktuell die kleinste Sorge.

Bei Bella sah die Sache schon etwas besser aus, denn sie hatte kaum dramatische Verletzungen davon getragen, aber einen schweren Schock erlitten. Ein wenig mager war sie und dehydriert, aber dies konnte man mit geregelten Mahlzeiten und einigen Infusionen wieder heilen.

Jake war sich in dieser Hinsicht ziemlich sicher, dass sie das nicht lange außer Gefecht setzten würde. In der Tat war es so, dass Edward es gedeichselt bekam, dass Mutter und Tochter nach nur wenigen Tagen nach England zurück transportiert werden konnten. Bella verließ den Flieger eigenständig und hatte gleich nach dem Aussteigen ein Mobiltelefon am Ohr, wo sie geschäftsmäßige Anweisungen an Reinhard übergab, der sich sofort um einen Platz in einer der besten Privatkliniken Londons zu kümmern hatte und er fragte nicht sonderlich lange, denn er wusste, zum Plaudern wäre später, bei einer guten Tasse Chai Latte, Zeit.

Edward, der inzwischen versucht hatte, seiner Mutter, möglichst schonend beizubringen, wie sich die Sache mit seinem Erzeuger zugetragen hatte, veranlasste einen Transport von Carlisle und Alexis nach London, um mit Bella über ihren restlichen Verbleib zu sprechen, auch wenn dieses Thema kein leichtes sein würde...

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